Von Gerhard Schoenberner

Die Bekämpfung des Antisemitismus ist ein schwieriges Geschäft. Seit je war die Wahrheit gegenüber der Lüge im Hintertreffen, war die Verleumdung schnellfüßiger als das ihr nachhinkende Dementi, die brüllende Phrase publikumswirksamer als ihre kritische Analyse. Ein demagogischer Aberwitz wird mit drei Worten in die Welt gesetzt. Oft reichen dreißig nicht, ihn wieder aus der Welt zu schaffen. Ein anderes Handicap jeder Aufklärung besteht darin, daß sie auf Reflexion angewiesen ist, um sich ausbreiten zu können. Sie kann also immer nur jene erreichen, die den Verstand nicht – wie Sartre sagt – für „eine typisch jüdische Angelegenheit“ halten. Schließlich greift auch jeder Versuch, antisemitische Argumente logisch zu widerlegen, immer noch zu kurz, weil er das Wesen des Ressentiments nicht faßt, nur seine beliebig austauschbaren „sekundären Rationalisierungen“.

Eine Analyse des Antisemitismus, die ihm nicht selbst aufsitzen will, muß seine sozialpsychologischen Ursachen, seine Wirkungsmechanismen, seine gesellschaftliche Funktion und seinen Manipulationscharakter untersuchen. Sie muß nach den Gründen fragen, die Antisemitismus in bestimmten historischen Situationen virulent machen, da sie mit den konstant gegebenen beziehungsweise, behaupteten „Gründen“ der Antisemiten offenbar nicht identisch sind. Was die sozialwissenschaftliche Methode in dieser Hinsicht zu leisten, vermag, zeigen die historischen Studien von Paul Massing, Eva G. Reichmann, Eleonore Sterling. Gerade diese Bücher aber können ihrer Natur nach nur einen sehr begrenzten Leserkreis erreichen, nicht die breite Öffentlichkeit. Es fehlte bisher eine im guten Sinne populärwissenschaftliche Darstellung, die für den politisch interessierten Zeitgenossen die wichtigsten Forschungsergebnisse auf diesem Gebiet zusammenfaßt. Mit großen Erwartungen greift man daher nach einem neuen Taschenbuch:

„Judenfeindschaft“ – Darstellung und Analysen, herausgegeben von Karl Thieme; Fischer Bücherei, Frankfurt; 326 S., 3,60 DM.

„Dieses Buch“, verspricht der Klappentext, „gibt Auskunft über die verschiedenen Aspekte der Judenfeindschaft, ihre Ursachen, ihr Wirken und ihre Folgen.“