Immanuel Geis (Herausgeber): „Julikrise und Kriegsausbruch 1914“, Eine Dokumentarsammlung, Band I, Verlag für Literatur und Zeitgeschehen, Hannover; 440 S., 38,– DM.

Wer kann von einem solchen Buche noch behaupten, daß diplomatische Akten langweilig, daß sie eine Angelegenheit nur der Fachhistoriker seien? Es liest sich wie eine antike Tragödie, beklemmend und erschütternd. Man kennt das Ende, man kennt das Verhängnis, aber aus irgend einem Winkel des Herzens schleicht sich in die Gedanken immer wieder eine merkwürdige und irrsinnige Hoffnung, es könne doch noch alles gut gehen. Irgendein vernünftiger Mann hat wieder irgendeinen vernünftigen Gedanken geäußert, und schon sagt man sich, er müsse doch seine Wirkung haben. Wenige Seiten später wird die Anregung wieder vernichtet, die Gasse für die rationalen Entscheidungen ist noch ein wenig schmaler geworden; noch weniger Licht fällt hinein; das Dunkel nimmt zu.

Kennen wirklich alle Fachhistoriker die Akten der Juli-Krise aus allen beteiligten Ländern? Sie sind so verstreut, daß es einiger Mühe bedarf, sie alle zu sammeln. Um so schwieriger wird die Aufgabe für den normalen Staatsbürger. Er vor allem wird Immanuel Geis dankbar sein, daß dieser aus den Aktenbänden hier die wichtigsten zusammengestellt hat (bis zum 25. Juli). Man hat nicht den Eindruck, daß eine wichtige Quelle fehle.

Die ältere deutsche Literatur über die sogenannte Kriegsschuldfrage hat als Hauptanklage gegen die Reichsregierung immer wieder den Vorwurf erhoben, sie habe Österreich-Ungarn zu Beginn des Monats einen Blankoscheck ausgestellt. Indem sie versichert habe, Deutschland werde zu seinem Bundesgenossen stehen, was auch immer geschehe, habe sie das Schicksal über Krieg und Frieden in die Hände des leichtsinnigen Grafen Berchthold gelegt. Aufmerksame Leser dieses Bandes werden den Vorwurf anders und, leider, schärfer formulieren müssen.

Der ältere Vorwurf enthielt die Anklage des Gewährenlassens; aber die Reichsregierung ließ nicht nur gewähren, sie trieb an. Sie war es, die in Wien mahnen ließ, man dürfe die Stunde nicht vorbeistreichen lassen, sonst werde Österreich-Ungarn aufhören, als Großmacht zu bestehen. So konnte der österreichische Ministerpräsident dem abratenden ungarischen Ministerpräsidenten entgegenhalten, wie falsch jedes Zaudern sei, ergebe sich schon aus dem Berliner Drängen. Wer wisse denn, ob in einer ähnlichen Lage wieder soviel Verlaß sein werde auf die deutsche Regierung wie gegenwärtig? Einmal ging ein deutscher Diplomat so weit, einem österreichischen Kollegen zu drohen: Wenn der Bundesgenosse die Stunde versäume, wenn er sich als zu schwach zeige, dann müsse sich das Reich einen anderen, stärkeren und zuverlässigeren Freund suchen.

In Berlin, vor allem beim Kaiser war die Empörung über den Fürstenmord von Sarajewo so stark, daß sie die reine und kalte Staatsräson überschwemmte. Mit den Verbrechern in Belgrad müsse endlich abgerechnet werden, so ungefähr war die Meinung in Berlin. Namentlich bei den Diplomaten von Fach trat eine schwere außenpolitische Sorge hinzu. In der Wilhelmstraße fürchtete man für Österreich-Ungarn fast noch mehr als auf dem Ballhausplatz. Wenn, so stellte man sich in Berlin vor, die österreichische Regierung sich diesen Mord gefallen ließe, ohne Serbien zu züchtigen, dann würde das Ansehen des Donaustaates zerfallen. Niemand würde ihn mehr ernst nehmen, er wäre als Bundesgenosse nichts mehr wert, und dann stünde Deutschland allein. Auf einem verwickelten Wege, über die Sorgen vor den Zukunftsgefahren, die Österreich-Ungarn bedrohten, kam man in der Wilhelmstraße wieder auf das deutsche Selbstinteresse zurück. Nicht Eroberungsdrang bestimmte die Reichsregierung – wenigstens findet man ihn nicht in den Akten bestätigt – sie versuchte nicht den „Griff nach der Weltmacht“. Sie war von Furcht getrieben, von Furcht davor, allein zu stehen und dann von dem Einkreisungsring erwürgt zu werden.

Die Reichsregierung hoffte zuversichtlich, daß ein Krieg auf den Balkan beschränkt werde. Die Sache der Serben sei moralisch zu schlecht, so glaubte man, als daß sich die Regierung des Zaren auf ihre Seite stellen könnte. Auch wollte Österreich kein serbisches Gebiet erwerben (allerdings neuserbisches Gebiet an die übrigen Balkanmächte aufteilen). Russische Lebensinteressen stünden nicht auf dem Spiel, so werde der Zar neutral bleiben. Wenn aber Rußland eingreife – nun, dann werde es immerhin nicht so stark sein wie wenige Jahre später.