Ein Mann, der soeben in einer fremden Stadt angekommen ist, gerät zufällig in einen politischen Demonstrationszug. Er sieht Fahnen und Transparente, er hört Lieder. Aber er weiß nicht, was die Demonstranten veranlaßt hat, auf die Straße zu gehen. Dennoch marschiert er mit. Er läßt sich von der Masse treiben. Ringsum wird geredet: „Der Fremde horchte hin, verstand nichts ...“ Allein: „Er war glücklich Er sieht Cafés: „Der Fremde hatte sich am liebsten drüben hingesetzt, um einfach alles vorbeiziehen zu lassen...“ Warum tut er es nicht? Seit seiner Jugend hatte er sich gewünscht, eine Woche allein in dieser schönen Stadt zu verbringen. Weshalb bleibt er jetzt in der Kolonne? Zunächst heißt es nur: „... die anderen dauerten ihn, die drei in seiner Reihe, die dann ohne ihn waren.“ Bald erfahren wir jedoch, daß die neue Umgebung auf diesen Mann einen wunderlichen Zauber ausübt. Er kann die realen Vorgänge nicht mehr genau erkennen, Traum und Wirklichkeit gehen in seinen Vorstellungen ineinander über. Und als die Polizei den Demonstrationszug beschießt, verspürt er sogar das dringende Bedürfnis, sich für die ihm weiterhin unbekannte Sache zu opfern: „Bei jeder Windung der kleinen Gasse konnte die offene Stelle kommen, aus der die Schüsse gefallen waren. Sein Herz verlangte danach, in die offene Stelle hineinzuspringen...“ Eine Kugel trifft ihn: „Der Fremde... drehte sich und blieb liegen.“

Haben wir es hier mit einem epischen Plädoyer gegen die Massenpsychose zu tun? Ist die Geschichte als Anklage des Hordenwahnsinns und als Appell an die Vernunft des Individuums zu verstehen? Marschieren diese Kolonnen etwa zur Münchner Feldherrnhalle im Jahre 1923?

Nein, die Handlung spielt im Jahre 1927 in Paris, und der Demonstrationszug ist auf dem Wege zur amerikanischen Botschaft, um gegen eine in den Vereinigten Staaten bevorstehende Hinrichtung von zwei Streikführern zu protestieren. Und nichts liegt der Autorin – Anna Seghers – ferner, als das Verhalten ihres Helden zu verurteilen. Sie verherrlicht es. Indem sich dieser einsame Fremde dem Demonstrationszug anschließt, überwindet er seinen Individualismus und lernt das beglückende Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft kennen. Nicht den Herdentrieb hat also Anna Seghers im Sinn, sondern das Erlebnis der Solidarität. Der Kernsatz lautet: „Ging der Zug auseinander, dann war der Fremde wieder allein, wie frisch angekommen, dann fing alles nochmals von vorn an.“ Die Verschmelzung des Individuums, mit der aufmarschierenden Volksmasse nimmt am Ende nahezu mystische Formen an: „Als wäre er hier geboren, schlug die Stadt über ihm zusammen...“

Autobiographisch sollte diese Geschichte gedeutet werden: Sie entstand, kurz nachdem Anna Seghers im Jahre 1928 der Kommunistischen Partei beigetreten war, und zeigt den psychischen Untergrund des Verhältnisses der Autorin zum Kommunismus.

In einem Gratulationsbrief, den der österreichische kommunistische Schriftsteller Bruno Frei an Anna Seghers zu ihrem sechzigsten Geburtstag gerichtet hat, finden sich folgende Sätze: „Mit war der Denkprozeß in Dir immer rätselhaft, ja, unheimlich. Deine Gedankenverbindungen, selbst im gewöhnlichen Gespräch, erschienen mir oft unerwartet, alogisch, sprunghaft. Und doch kamst Du meist näher an das Wesentliche der Dinge heran als die methodischen Denker.“ In der Tat: so außerordentlich intelligent und vielseitig gebildet Anna Seghers auch sein mag – das methodische und diskursive Denken ist ihr fremd. In fast allem, was sie geschrieben hat, spürt man etwas Unheimliches und Sprunghaftes, immer dominiert das Emotionale – auch in ihren Aufsätzen und Ansprachen, die meist aus lose miteinander verbundenen Reflexionen, Impressionen und erzählerischen Passagen bestehen.

Vorwiegend emotional ist auch von Anfang an ihre Beziehung zur Kommunistischen Partei und ihrer Lehre. Ein Brecht oder ein Becher sehen im Kommunismus ein philosophisches System, eine soziologische Theorie, ein politisches Programm. Weder war Brecht Zyniker noch Becher Nihilist. Aber ihr Verhältnis zur kommunistischen Gedankenwelt hatten kühle und sachliche, makellos rationalistische Motive bestimmt.

Für die junge Anna Seghers hingegen handelte es sich nicht so sehr um eine Frage des Intellekts, sondern des Glaubens und des Gefühls, des Vertrauens und der Hingabe, der Gefolgschaft, der Treue und schließlich der Hörigkeit. Wie der Held der Geschichte „Auf dem Wege zur amerikanischen Botschaft“ ließ auch sie sich vor allem von ihrer Intuition leiten. Sie fand im Kommunismus, was sie seit ihrer frühen Jugend inbrünstig gesucht hatte: nicht eine soziologische und politische Lehre, nicht ein gedankliches System, sondern eine atheistische Religion. Fideistisch ist das geistige Fundament ihres Werks, zumal ihre Konzeption des Helden.