Von Hans Wenke

Es scheint an der Zeit, unseren Lesern ein zusammenhängendes Bild zu vermitteln von den Universitätsneugründungen, die nach den Empfehlungen des Wissenschaftsrates beabsichtigt und inzwischen mehr oder minder weit gediehen sind. Für unsere Darstellung konnten wir den ersten Fachmann auf diesem Gebiet gewinnen: den Hamburger Pädagogen (und ehemaligen Senator) Professor Dr. Hans Wenke, der auch Vorsitzender des Gründungsausschusses der Universität Bochum ist. Es kam vor allem darauf an zu zeigen, wie solche Neugründungen faktisch vor sich gehen und welche praktischen Gesichtspunkte dabei eine Rolle spielen. „Probleme“, wie sie in der Reform-Literatur allenthalben und oft mit mehr Eifer als Sachverstand diskutiert werden, sollten hier gegenüber den Tatsachen zurücktreten. In einem zweiten Aufsatz wird Wenke die Universität Bremen, in einem dritten Konstanz und andere Pläne behandeln.

Die Errichtung neuer wissenschaftlicher Hochschulen setzte nach dem Zweiten Weltkrieg ein: Die Universitäten Mainz und Saarbrücken Und die Freie Universität Berlin wurden gegründet, die Universität Gießen wieder eröffnet. In diesen Fällen waren vorwiegend politische Antriebe und Zielsetzungen wirksam. Im Unterschied dazu hat der Wissenschaftsrat mit seinen „Empfehlungen“ vom Jahre 1960 eine völlig andere Grundlage geschaffen: Er geht ausschließlich von der Situation der Hochschulen aus und lenkt den Blick auf die Anforderungen, die ihnen gegenwärtig und künftig gestellt sind. Damit kommen auch die seit Jahren erörterten Pläne für eine innere Erneuerung unserer Hochschulen zur Geltung.

Der Wissenschaftsrat forderte planmäßige Neugründungen von drei Universitäten, einer Technischen Hochschule und einer Reihe von Medizinischen Akademien, die mit ihren Standorten so verteilt werden sollen, daß sie der Entlastung der bestehenden Hochschulen dienen können. Hierfür wurden zwei Gründe angeführt: Die Zahl der Studenten wird weiter ansteigen, und dieser Anstieg ist im Interesse unserer Berufswelt notwendig und deshalb auch erwünscht. Sodann: die bestehenden Hochschulen müssen zwar ausgebaut werden, doch hat dieser Ausbau in Rücksicht auf deren Arbeitsfähigkeit seine natürlichen Grenzen.

Diese Argumente waren durchschlagend, und sie waren auch zugkräftiger als alle in einer reichen Literatur, ausgebreiteten Ideen zur Hochschulreform. Man kann es aber eine „List der Vernunft“ – im Sinne Hegels – nennen, daß der Wissenschaftsrat jene Ideen nicht vergaß, zurückdrängte oder übersah, daß er vielmehr die Vorstellungen von neuen akademischen Lebensformen an die leicht begreifliche und eingängige pragmatische Forderung der Entlastung gebunden hat. Er hatte damit sichtbaren Erfolg: Die für die Hochschulen verantwortlichen Regierungen und Parlamente der Länder, die den Appell vernahmen, machten sich dieses dort verkündete Programm zu eigen und gingen so weit, daß sie die Erprobung neuer Wege als die eigentliche Rechtfertigung ihrer Gründungspläne ansahen.

Im Blick auf die Fülle der Erneuerungsvorschläge – wobei ich schon eine Menge exaltierter Gedanken und Visionen ausscheide – würde ein sinnvoll gestalteter Aufbau nicht zu erhoffen sein, wenn man im Reformeifer alles zugleich an jeder neuen Hochschule verwirklichen wollte. Es hat sich jedoch in Rücksicht auf die verschiedenen örtlichen Situationen, aber auch dank einer ebenso zurückhaltenden wie klugen und beharrlichen Regie – milder gesagt: einer wachsamen Präsenz – des Wissenschaftsrates ergeben, daß sich die Reformideen mit unterschiedlicher Akzentsetzung verteilen.

Natürlich ist den geplanten Hochschulen vieles gemeinsam, was ihnen – den neuen wie den alten Einrichtungen – wesensmäßig zugehört; dennoch erscheint es möglich, jede von ihnen unter einem besonderen Aspekt darzustellen, der in den Beratungen und in den vorliegenden Plänen klar erkennbar bevorzugt wird: