Von Erich Fried

Der Untertitel des neuen, vor wenigen Tagen erschienenen 3uches von informiert uns, daß es sich um einen „Dialog über einen Roman“ handele, fast als wolle er uns abschrecken – denn was kann den Leser weniger interessieren als literarische Fachsimpelei, knappe 130 Seiten Briefwechsel zwischen einem Schriftsteller A. und seinem guten Freund, dem Literaturhistoriker B.?

Außerdem erinnert man sich, daß der Roman eines Romans schon vor nicht allzu langer Zeit geschrieben wurde; auf seinen Verfasser wird hier gelegentlich sogar angespielt. Dazu kommt noch, daß die beiden Briefschreiber A. und B. den gleichen Stil schreiben, korrekt, kühl, geistreich, geschliffen, menschlich ein wenig beziehungslos. Auf die Stilgleichheit wird am Anfang des Buches ausdrücklich hingewiesen. Nach diesen Angaben könnte man den schmalen Band leicht für eine kluge oder klügelnde Spielerei halten, blendend aber ermüdend, unwesentlich. Diesen abschreckenden Eindruck hat Walter Jens, wer weiß, vielleicht sogar beabsichtigt. Er erweist sich als falsch.

„Herr Meister“ erhebt nicht einmal Anspruch darauf, der Roman eines Romans zu sein, denn der Roman, den A. schreiben will, wird durch die Einwände und scheinbar hilfreichen Vorschläge seines kritischen Freundes immer wieder verhindert, ja fast vereitelt, und kann erst nach Schluß der hier mitgeteilten Korrespondenz entstehen. In seinem letzten Brief, in einem PS, zitiert der Schriftsteller A. einen Satz, den er gerade bei Marc Aurel gefunden hat: „Was ein geplantes Werk aufhält, wird selber zum Werk.“ So ist aus diesem Dialog, der das Entstehen eines Romans verhindert, selbst ein Roman geworden, und nicht nur ein Roman, sondern vielleicht der unentrinnbarste Roman der letzten zehn oder fünfzehn Jahre, weil der Konflikt zwischen Fiktion und Gültigkeit, en Grundproblem aller ernsthaften Dichtung unserer Zeit, wohl kaum ehrlicher, gründlicher – und meisterhafter – dargestellt werden kann.

Der Autor, selbst Dichter und Universitätsprofessor, Romanschriftsteller und Literaturkritiker zugleich, läßt kaum durchblicken, daß die beiden Herren in den besten Jahren, die eininder so höfliche Briefe schreiben, zwei Aspekte seiner selbst sein können. Es ist auch kein Buch, das zum biographischen Rätselraten herausfordert. Dazu ist das Thema viel zu ernst, obwohl es nie an amüsanten Einschüben, witzigen Vergleichen, artigen Komplimenten und unterhaltsamen Einfällen oder Mitteilungen fehlt. Gleich hinter oder unter diesen kleinen und großen Ergötzlichkeiten geht es aber um Sein oder Nichtsein.

B., der kritische Freund, der auch mit eigenen Einfällen und Vorschlägen nicht geizt und sich zuweilen in einer fast schöpferischen Rolle gefällt, ist in Wahrheit ein kalter Verneiner, neben dem Mephisto noch wie ein lebensfroher und ziemlich harmloser Naturbursche wirkt. Und er gibt sich keine Blöße, wenigstens keine, die A. die Möglichkeit gäbe, ihn zu entlarven – vielleicht nur deshalb nicht, weil er auf seine Weise nicht minder ehrlich ist als sein Freund und Gegenspieler, der Schriftsteller, dem Herr Meister anfangs als etwas melancholischer und keineswegs heldischer Held seines geplanten Zeitromans vorschwebt, als Professor in einer kleinen deutschen Universitätsstadt.

Im ersten Kapitel, „Polonaise“, soll sein Herr Meister den Frühling 1933 beobachtend und still registrierend miterleben. Die Polonaise ist der makabre politische Tanz der Kollegen und Studenten, der Henker und Opfer, der Zuschauer und Wegschauer. A., der vor Hitlers Machtergreifung Deutschland verlassen hat, weil er mit dem Regime nichts zu tun haben wollte, und offenbar erst nach 1945 zurückgekehrt ist, bittet B. um Material und Informationen.