Haben Sie vielleicht kürzlich irgendwo die SPD gesehen? Es kommt wohl nicht alle Tage vor, daß einem eine ganze Partei verlorengeht. Aber genau das ist mir passiert! Schön, man verliert mal einen Schlüsselbund, einen Hund, einen Freund oder eine Frau. Aber gleich eine große, alte, traditionsreiche Partei wie die SPD?

Und wie habe ich aufgepaßt, diese Partei der Lassalle, Bebel, Liebknecht und – nicht zu vergessen! – Ebert aus einer gewissen freundlichen Distanz im Auge zu behalten. Immerhin hatte ihr mein Vater ein Leben lang die Treue gehalten. Und nun hat sie sich einfach mir nichts, dir nichts davongemacht!

Man bemüht Erinnerungen. Wie hat sie eigentlich ausgesehen, die Gute? Ach ja – früher rot, später eher rosa, manchmal etwas blaß. Groß und massig, aber nie zuviel Gewicht. Stämmig untersetzt, etwas unbeweglich. Sehr diszipliniert. Recht couragiert, selbst 1933 noch, als die anderen schon längst...

Immer ziemlich reizbar, aggressiv. Linkshänder – was sonst? Immer ein bißchen verbittert, nicht viel Humor, etwas bieder. Rechtschaffen, eine ehrliche Haut. Besondere Kennzeichen: Etwas tapsig im Umgang mit dem Militärischen. Im ganzen recht liebenswert.

Wann habe ich von einer Partei, auf welche diese Beschreibung zuträfe, zuletzt etwas gemerkt? Ja, wann?

Als es um die Wiederaufrüstung ging? Oder vielleicht später, als man um die atomare Bewaffnung der Bundeswehr stritt? Nein, nein – es muß wohl beim Deutschland-Plan gewesen sein. Natürlich, damals! Mein Gott, wie lange ist das schon wieder her! Jahre, die einem wie Jahrzehnte vorkommen.

Ob ihr inzwischen etwas zugestoßen ist? Krank? Siech? Altersschwach? Aber eben tönte sie noch so kräftig wie ein Jüngling.