Von Peter Demetz

Wenn ein Dichter zur emblematischen Figur einer Epoche wird, blüht das Unkraut der schrecklichen Verallgemeinerung. Vorgestern war es Rilke, heute Brecht, der als neuer Atlas die gesamte Entwicklung der modernen Literatur auf seinen schmalen Schultern tragen muß. Der Anblick ist nicht neu: Jedermann will das edle Pferd vor die eigene Kalesche spannen; wir haben, seit 1956, Hunderte von Büchern und Aufsätzen über Brecht, nur eben ein wirklich gesicherter Text fehlt uns noch.

Aber zu unserem Glück gibt es ungeduldige und gelehrte Köpfe, die nicht warten wollen und das kritisch-philologische Zeitalter der Brecht-Forschung auf eigene Faust beginnen. In dem neuen Buch von

Helge Hultberg: „Die aesthetischen Anschauungen Bertolt Brechts“, deutsch von Hans Martin Junghans; Verlag Munksgaard, Kopenhagen; 232 S., 28,– d. Kr.

wird wieder Quellenkunde getrieben; der skandinavische Autor, der an der Freien Universität unterrichtete und jetzt in Bergen lehrt, darf vom Literarischen der Literatur reden, ohne in den Geruch des Faschismus zu geraten. Seine Arbeit setzt sich das rühmenswerte Ziel, „festzustellen, was Brecht zu verschiedenen Zeiten mit den ästhetischen Begriffen, die er anwendet, gemeint hat“.

Also keine Literaturverschrottung; „die Untersuchung ist rein semantisch, sie bezieht sich ausschließlich auf Brechts Sprachgebrauch“.

Hultberg begnügt sich aber nicht mit den allgemein zugänglichen Texten; er geht tief in die Augsburger Zeit zurück und fördert aus alten Zeitungen Interessantes und Korrigierendes zutage: Brechts sehr frühe Neigung für amerikanische Stoffe (1916), Dokumente seiner Bewunderung für Claudel (1914), von seinen bürgerlichromantischen oder gar chauvinistischen Jugendgedichten ganz zu schweigen. Hultberg zeigt Brechts Theorie in ihrer Bildung und Entwicklung; so ergibt sich, daß sich Brecht in seiner theoretischen Arbeit hier auf das epische (1924 bis 1929), dort auf das nicht-aristotelische Theater (1930 bis 1935) und zuletzt auf die Idee der Verfremdung (1936 bis 1940) konzentrierte – über das „dialektische“ Theater, das man seinem Alter zuschreibt, hat er schon in den frühen dreißiger Jahren gesprochen.