Ein Frühlingsabend lag über der Stadt. Franzi eilte mit dem großen, farbigen Glaskrug – dem Hochzeitsgeschenk seiner kleinen, blonden Mutter, das bloß bei besonders feierlichen Anlässen verwendet wurde – die vier Stockwerke hinunter, als er plötzlich mit wild klopfendem Herzen beim hohen Bogenfenster des zweiten Treppenabsatzes stehenbleiben mußte: Vater endlich zu Hause! Sein über alles geliebter Vater war aus dem Schützengraben auf dem italienischen Doberplateau auf Urlaub nach Hause gekommen. Heil aus dem Stacheldraht der Isonzofront! „In diesem unsinnigen Krieg, Mutterl!“ sagte er immer wieder zu seiner so schönen, so kurzsichtigen Mutter mit dem blonden krausen Locken und den starken Augengläsern, „in diesem Krieg, Mutterl, kommen ja Unschuldige ums Leben! Es soll nicht auch der Vater ...“

Mutter wußte keine Antwort, sie schüttelte nur immer wieder den niedlichen Kopf, lächelte und griff dann zum „Gebetbuch der Israeliten Kos Jeschuoth“, den vollständigen Gebeten der Juden für das ganze Jahr, „übersetzt und mit erklärenden Anmerkungen von Dr. R. J. Fürstenthal, zwölfte Auflage, Prag 1866, Verlag, von Jakob B. Brandeis, Zeltnergasse 1, während der Marktzeit in Pilsen: Schulgasse, während der Messe in Leipzig: Brühl 34, während der Messe in Frankfurt an der Oder, Richt- und Jüdenstraße 7, Berlin, bei M. Poppelauer, und bei Ph. Neumark, Leipzig bei M. W. Kaufmann“. Und heute war Vater endlich zu Hause, heil in der kleinen Küche im vierten Stock der Ziegengasse Nr. 1, Ecke Stempelamtsgasse. Blau, warm und weich hing der Himmel an diesem Abend, über der Stadt, und Franzl suchte oben am engen Himmelstreifen „seinen“ Stern, den Abendstern, mit dem er gut Freund war.

Nun saß Vater oben in der kleinen Küche, die feldgraue Militärmütze mit dem Bronzeapferl und den Insignien FJI lag auf dem halbaufgeschlagenen, zerwühlten Bett, daneben die Militärbluse mit den saftgrünen Aufschlägen des Infanterie-Regimentes Nr. 102 und den zwei weißen Korporalssternen. Auch die schweren Kommißstiefel hatte Vater ausgezogen, und seine Füße standen in dem großen Porzellanlavoir in heißem, dampfendem Wasser. Und auf dem Tisch stand ein Riesenteller mit Mutters fettem Gänseklein mit gedünsteten Erbsen und Reis, dem schmackhaften Schaulet – wie das duftete! Wo hatte Mutter das nur plötzlich aufgetrieben? Vater lachte über das ganze Gesicht; sein Schnurrbart war aufgezwirbelt, er aß und aß und lächelte Franzl zu ...

Franzl eilte weiter, den kostbaren Glaskrug in der Hand, das Drusch-Geschenk für seine abgöttisch geliebte kleine Mutter, lief durch die Lange Gasse, sprang über die Katzenköpfe des Altstädter Pflasters hinüber zum Hause Lange Gasse 18 und wich dabei geschickt einem vornehmen Zweispänner aus, der von zwei Schimmeln gezogen wurde, mit einem livrierten Kutscher mit hohem Zylinder und weißer Pelerine auf dem Kutschbock. Schon stand Franzl vor dem uralten Hause der Bierbrauerei „Zum goldenen Hecht“, eilte durch das hohe breite Tor mit der Firmentafel „Altstädter Bierbrauereien“ mit dem Bilde der heiligen Mutter Gottes und dem Relief eines langen, schlanken, goldenen Hechts auf dunklem Marmorgrund. Er hörte schon die Ziehharmonika aus dem Schanklokal. Schwaden beißenden Tabakrauchs lagen über den dicht besetzten großen Eichentischen, die langen Holzbänke waren von Kutschern. Dienstmännern, Fuhrleuten, Postlern, Soldaten, Straßenmädchen und Pferdehändlern dicht besetzt. Der dicke Wirt Powondra mit der weißen Schürze über dem fetten Bauch und dem grünen Samtkäppchen auf der schmierigen Glatze brachte die Krügel mit dem schäumenden Pilsner zu den Tischen, und hinter der Theke zapfte seine noch dickere Gattin Milena das Bier in die Gläser.

„Was will denn der Bub da?“ fragte die Wirtin. Franzl verneigte sich leicht und reichte den kostbaren Glaskrug hinüber: „Bitte, Frau Wirtin, zwei Liter Pilsner. Vater ist auf Urlaub gekommen!“

„Na, da muß er heute das Beste vom Besten trinken, mein Junge!“

Franzl wollte mit einem Silbergulden, den er hinüberreichte, zahlen, aber die Wirtin nahm nichts. Sie rief nur: „Zerschlag nur ja nicht den schönen Krug, Kind!“