Martin Broszat; 200 Jahre deutsche Polenpolitik; Ehrenwirth – Verlag, 270 Seiten, 14,80 DM.

In diesem gescheiten und nach Gerechtigkeit strebenden Buch wird dargelegt, wie die Beziehungen zwischen dem deutschen und dem polnischen Volk vergiftet wurden durch die Teilungen des achtzehnten Jahrhunderts. Kein Geringerer als der Freiherr von Stein bezeichnetete sie als das, was sie waren: als nackte Gewalttaten und Raubzüge. Mit den Teilungen begann der Zwiespalt zwischen preußischer Staatsräson und polnischem Nationalgefühl, der während des ganzen neunzehnten und beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts andauerte.

Verschärft wurde der Gegensatz, als er sich mit dem Streit zwischen polnischer und deutscher Nationalität verband. Broszat lenkt die Aufmerksamkeit des Lesers auf eine häufig übersehene Tatsache: Mit der Gründung des deutschen Nationalstaates 1871 wurde vielen Polen die Tatsache ihrer eigenen nationalen Zugehörigkeit stärker bewußt als vorher. Die bis dahin unpolitischen Schichten des Polentums, die dem König treu ergeben waren, wollten Preußen bleiben, aber dem Deutschen Reich nicht einverleibt werden. Da ihnen das nicht erlaubt wurde, begannen sie sich als nationale Minderheit zu empfinden. Die entschiedene, vom übersteigerten deutschen Nationalgefühl geforderte und geförderte Germanisierungspolitik erhöhte dann noch die Bitterkeit bei den Polen und gab ihrem Volk das Gefühl, unterdrückt zu sein.

Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs 1918, mit der Errichtung eines selbständigen polnischen Staates gab es immer noch keinen wirklichen Frieden, da sich die Deutschen weigerten, die neuen Grenzen anzuerkennen. Hier muß ein ernster Einwand gegen Broszats Schilderung erhoben werden. Es geht nicht an, die Verweigerung der Volksabstimmung in den umstrittenen Gebieten mit der Tatsache rechtfertigen zu wollen, daß dieses Gebiet völkisch gemischt war und daß eine reinliche nationale Scheidung auf große Schwierigkeiten gestoßen wäre. Es hätte sich leicht eine gerechte Grenze ziehen lassen, wenn die Sieger sich entschlossen hätten, auf jeder Seite der Grenze eine ungefähr gleichstarke Minderheit wohnen zu lassen. Das geschah nicht, und so wirkte die Absage an das vorher feierlich verkündete Prinzip der Selbstbestimmung als Unrecht und als Heuchelei.

Objektivität ist notwendig für den Historiker, auch und gerade wenn dem eigenen Volk bittere Wahrheiten gesagt werden müssen. Aber wenn man jede Forderung nach Recht und Gerechtigkeit mit tadelnden Worten bedenkt und sie als Ausfluß nationalen Hochmuts schildert, nur weil ihre Erfüllung den Deutschen zugute käme, dann verkehrt man die Objektivität in ihr Gegenteil.

Die schlimmste, für das Polentum lebensgefährliche und für die Deutschen beschämende Zeit begann mit dem Kriege von 1939. Noch nach der Niederwerfung des polnischen Heeres gab es Möglichkeiten der Versöhnung. Sie wurden nicht genutzt. Man weiß, was statt dessen gekommen ist: Unterdrückung, Raub und Mord.

– Aber Broszat hat Hoffnung für die Zukunft. Aus dem schmerzlichen Prozeß der Geschichte könnten beide Völker lernen, um die bescheidenen aber greifbaren Möglichkeiten nicht zu versäumen, die sich aus den veränderten Verhältnissen ergeben. Friedrich Rade