Die „Großen Drei“ in New York

New York, Anfang Oktober

Zum Arbeitsessen gab es Rose. Der Wein war das einzige, was für Frankreich sprach. Außen minister Couve de Murville fehlte in New York, wie er im Juli in Moskau gefehlt hatte. Die „Großen Drei‘, wie man sie hier noch immer nennt, waren unter sich. Gromyko zeigte sich selten so gut gelaunt, Rusk und Home ließen sich lachend mit ihm zusammen auf einem Walldorf-Astoria-Sofa photographieren. Das alles besagt nicht mehr, aber auch nicht weniger, als daß der „Geist von Moskau“, das Klima des Test-Bann-Vertrages vom Sommer, in den Herbst übernommen wird.

Amerikaner, Engländer und Russen stimmen zur Zeit darin überein, daß Entspannung nicht in den Zentren der Gegensätze, sondern in den Randgebieten beginnen soll. Man läßt also Deutschland und Berlin, Kuba und Vietnam auf sich beruhen und versucht, den Kulturaustausch zu verbessern, über gemeinsame Wettersatteliten und über vorbeugende Abrüstungsmaßnahmen im Weltraum zu verhandeln. Hinzu kommt eine schnell auflebende Diskussion über Erweiterungen im Ost-West-Handel. Die Russen brauchen Weizen; die Amerikaner möchten welchen verkaufen.

Rusk, Home und Gromyko sprachen in New York vor allem über Aspekte der Abrüstung. Auch hier verzichteten beide Seiten auf einen frontalen Anlauf. Ein amerikanischer Sprecher bezeichnete die neueste ost-westliche Fühlungnahme als positiv und konstruktiv. Fragen, die schon in Moskau auftauchten, seien weiter erörtert worden. Eine Fortsetzung solcher Kontakte wurde beschlossen. Die Anregungen in den UN-Reden Kennedys und Gromykos sollen beiderseits erwogen werden. Noch gibt es keine Stellungnahmen zum Projekt Mondflug und zum Vorschlag Gipfelkonferenz.

Die Abrüstungsaspekte, über die man sprach, waren insbesondere: Nichtangriffspakt, Kontrollposten, Atomwaffenkontrolle. Der Sowjet-Außenminister sieht bereits in der multilateralen NATO-Atomstreitmacht eine Proliferation, eine unerwünschte Verbreitung von Kernwaffen, die Amerikaner sind gegenteiliger Ansicht. Aber die drei „klassischen“ Atommächte USA, Sowjetunion, Großbritannien stimmen darin überein, daß vierte, fünfte und weitere Mächte keine Nuklear-Streitkräfte aufbauen sollten.

An den Nichtangriffspakt knüpfen die Amerikaner Bedingungen – zum Beispiel Berlin-Garantien. Die Russen ihrerseits wollen den Austausch von Kontrollposten mit einer Vereinbarung über die Verdünnung von Streitkräften und die Reduzierung von Atomwaffen beiderseits des Eisernen Vorhangs verknüpfen. Gegenwärtig ist man dabei, zunächst einmal die Standpunkte zu erläutern. Niemand scheint es eilig zu haben. Zugrunde liegt den Entspannungsgesprächen der Wunsch, die stillschweigende Respektierung der Einflußbereiche Schritt für Schritt durch ständige diplomatische Kontakte und womöglich Verträge abzusichern. Thilo Koch