„Die Vögel“ (USA; Verleih: Universal): Es beginnt in San Francisco, in einem luxuriösen Vogelgeschäft, aus dem der Meister höchstpersönlich zwei Hündchen geleitet, mit einer eleganten Dame, die Zwergpapageien kauft. Mit diesen fährt sie, weil sie es auf einen feschen Rechtsanwalt abgesehen hat, in ein idyllisches Fischerdörfchen, zwei Autostunden entfernt. Der Kitsch blüht, Verwicklungen werden angedeutet: Da hockt im Dorf eine Lehrerin, auch in den Rechtsanwalt verliebt, verscheucht von der Mutter des Anwalts, einer verschlossenen Kinodame, bilderbuchherrisch, mit der Angst, allein gelassen zu werden, in den Augen. Das schleppt sich so dahin, bis es soweit ist: Eine Möve fällt die Dame an, die Hühner weigern sich, Futter zu picken, Raben stoßen auf spielende Kinder ein – die Wochenendgemütlichkeit ist gestört. Ein Toter wird gefunden, die Augen sind ihm ausgehackt, und in seinem Zimmer liegen verendete Vögel zuhauf; die Raben machen ernst und belagern die Schule; Seemöven fliegen eine Attacke auf das Dorf, zerschmettern Telefonzellen und Fensterscheiben und segeln erst ab, als eine Tankstelle brennt. Der Rechtsanwalt paßt sich dem Notstand an, vernagelt seine Fenster und verrammelt den Kamin – durch den die Spatzen schubweise eingeflattert sind. Die Vögel aber zernagen Dach und Türen und blessieren die elegante Dame, diesmal sogar ernsthaft. Im letzten Augenblick glückt die Flucht im Sportwagen. Überall sitzen zufrieden gluckernd Vögel – das Land ist in ihrem Besitz.

Aus der Vorlage von Daphne du Maurier hat Hitchcock ein handwerklich frappierendes Gruselstückchen gezimmert: Seine Vögel, schnabelaufreißende, blutdürstige Furien, sind echt. Wie in seinen besseren Filmen zeichnet er auch hier die ahnungslose Idylle und eine konsternierte Bürgerlichkeit, voll Ignoranz und Fassungslosigkeit.

Eine Szene greift weit: In einem Drugstore behauptet, derweil ein Gast sein gebratenes Hähnchen bestellt und ein Betrunkener vom Weltuntergang gröhlt, die Wissenschaft, vertreten durch ein Mannweib von Ornithologin, daß nicht sein kann, was nicht sein darf. Munter wird verdrängt, aber als es dann doch ist, hat man schnell einen Sündenbock – Hexenjagdstimmung für drei unverbindliche Augenblicke. Man spürt hier, was aus dem Film hätte werden können. Hitchcock verliert, weil er seine Domäne, die zweischneidige, Spannung hütende Fabel kühn, aber leichtfertig verläßt. Er will einen katastrophalen Endzustand beschreiben und häuft hilflos Vögel auf Vögel. Weder ist ihm die Idylle so exakt gelungen wie in einigen früheren Filmen – zu zufällig, zu schludrig ist ein bißchen was erzählt –, noch ist er in der Beschwörung des Gräßlichen konsequent. Er bleibt gemütlich und jovial, und so ist ihm am Ende die Angelegenheit auf die Dimension einer mittleren Überschwemmung geschrumpft. Das gefährdete Gebiet kann geräumt werden, die Apokalypse ist – gottlob – noch einmal vorbeigegangen. Derlei metaphysischen thrill kriegt man auch in der Gespensterbahn für fünfzig Pfennige auf dem Rummel nebenan. uwe