Unter den Autoren findet sich keiner der bekannten Namen, die man hier erwartet "hätte. Einen der Gründe dafür klärt das Vorwort. Für den Herausgeber lautet die Problemstellung noch heute wie für Pierre Ab£lard vor achthundert Jahren, ob sich das Schicksal der Juden "aus dem höchsten Haß Gottes erklären" läßt, wie die traditionelle christliche Auffassung annahm, oder ob sie es nicht vielmehr "für Gott erlitten" hätten, wovon er offenbar überzeugt ist.

"Dem auserwählten Volk, nicht dem andersrassigen gilt letztlich die Feindschaft", heißt es in seiner Einführung "Und statt als Rassenhaß verstehen wir den Antisemitismus in Analogie etwa zum Antiklerikalismus.

K Solch reinem religiösen Verständnis der Geschichte entspricht folgerichtig eine prinzipielle Skepsis gegenüber den Sozialwissenschaften.

Diese Grundposition, die augenscheinlich von allen Mitarbeitern des Bandes geteilt und von einigen aoch ausdrücklich bestätigt wird, bestimmt die Anlage der Arbeit und ihr Resultat. Die Verfasser beschränken sich darauf, den Antisemitismus mit "wahren Tatsachen" zu widerlegen, indem sie sich mit seinen verschiedenen Argumentationen kritisch auseinandersetzen. Dabei begeben sie sich insofern von vornherein in die Defensive, als sie sich die Themenstellung von der Gegenseite vorschreiben lassen und deren zuerst religiöse, dann wirtschaftliche, später politische und schließlich biologische "Begründungen", der historischen Reihenfolge ihres Auftretens entsprechend, in einzelnen Essays abhandeln. Nun könnte auch das hier eingeschlagene Verfahren durchaus sinnvoll sein, wenn die verschiedenen Untersuchungen das Material für eine integrale Analyse lieferten, die ihre Ergebnisse verbände und zu einem Verständnis des Phänomens in seiner ganzen Komplexität führte. Hier fehlt nicht nur solch ein zentraler Bezugspunkt, der die auf ihn orientierten Beiträge untereinander abgestimmt und verbunden hätte. Jener theoretische Ansatz, der es zur Aufnahme einer weiter ausgreifenden "Soziologie des Antisemitismus" in diesen Band nicht kommen ließ, verhindert nun auch eine adäquate Darstellung auf dem jeweiligen Spezialgebiet.

Alle Autoren kommen nach einem ausführlichen Rundblick zu dem Schluß, in ihrem Forschungsbereich ließen sich objektiv hinreichende Gründe zu einer Rechtfertigung des Antisemitismus nicht finden. Aber, da sie Ideologie als das nehmen, wofür sie selbst sich ausgibt, von der historisch gesellschaftlichen Situation abheben, die sie hervorbringt, und sie isoliert auf die eigene Disziplin behandeln, können sie das Versprechen des Klappentextes, auf die Fragen "nach den wirklichen Ursachen des Antisemitismus" Antwort zu geben, nicht einlösen.

Karl Thieme, der die Geschichte des Bruderzwistes zwischen Kirche und Synagoge ausführlich nachzeichnet, erklärt turn Beispiel nirgends, was mit Religion geschieht, sobald sie sich als Kirche in dieser Welt institutionalisiert. Seire rein theologische Argumentationsweise führt an weitesten, wenn er in Übereinstimmung mit der heutigen Lehrmeinung beider, christlichen Kirchen den für alle Gläubigen bedeutsamen Nachwes führt, daß Antisemitismus sich auf das Neue Testament nicht berufen kann, sondern in Wideispruch zu ihm steht.

Wohin der Verzicht auf die Erkenntnisse der Soziologie führen kann, zeigt sich besonders deutlich an der volkswirtschaftlichen Studie von Hans Wolfram Gerhard, der schon im ersten Satz seil Thema verfehlt, wenn er "die Bedeutung wirtschaftlicher Zustände als Bedingung oder Ursacha der Judenfeindlichkeit oft als: außerordentlidi überschätzt" bezeichnet; weil er darunter nur das jüdische Verhalten in der Wirtschaft versteh). Sein Versuch, die traditionellen Vorwürfe wegea Wucher, Hehlerei und (für die neuere Zeit) Machtkonzentration in bestimmten Wirtschaftszweigen zu klären, scheitert dann auch am methodischen Ansatz. Nach umfangreichen theoretischen und historischen Abhandlungen, die sich wis eine Einführung in die Nationalökonomie leseri, heißt es bei ihm an Ende nur: "Ob diese Zinsraten ökonomisch richtig waren, läßt sich nich; feststellen", oder: "Der ökonomische Nutzen de; Spekulation ist durchaus nicht eindeutig zu bestimmen Ich bezweifle auch, daß es den Lese; sehr befriedigt, wenn er erfährt, der gerecht Preis als Bestandteil der kirchlichen Lehre sei erstens nur für Christen moralisch bindend und außerdem bei ungeklärter Marktlage nicht ohne weiteres dekretierbar, oder wenn ihm versichert wird: "ökonomisch ist eine hohe Beteiligungsquote der Juden am Handel das denkbar Richtigste " Diese Argumentation, die alle Fakten zu relativieren versucht, statt sie hinreichend aus den Umständen zu erklären, weckt womöglich noch neues Mißtrauen. Der Stoff, der nur noch vermittelt, aber nicht mehr zusammenhängend interpretiert wird, macht sich sozusagen selbständig und führt sein Eigenleben mit eigenen Wirkun gen, oft durchaus gegen die Intentionen des Autors.