Von Walter Retlaw

Werden die von der französischen Regierung eingeleiteten Anti-Inflationsmaßnahmen den gewünschten Erfolg erreichen? Oder werden die zahlreichen Eingriffe in das französische Wirtschaftsleben letzten Endes zu einer Lähmung der unternehmerischen Initiative führen? Mit diesen Fragen setzt sich unser Pariser Börsenbeobachter auseinander. Der Tenor seiner Betrachtungen klingt zwar beruhigend, aber eine exakte Prognose vermag er ebenso wenig zu geben wie die meisten anderen Kenner der französischen Wirtschaft Diese Unsicherheit färbt zwangsläufig auf die Entwicklung der französischen Aktienkurse ab, die an der weltweiten Aufwärtsbewegung bislang nicht teilgenommen haben.

Der Kampf gegen die sich überschlagenden Preissteigerungen wird von der französischen Regierung von drei Seiten nach sorgsamer Vorbereitung vorgetragen. Zunächst sollte dem Volk in allen seinen Schichten zum Bewußtsein gebracht werden, daß ernste Gefahr im Verzuge ist. Ein großes Aufgebot von gesetzgeberischer Arbeit war nötig, um diesen psychologischen Schock zu erreichen. Tatsächlich ist die Lage nicht ganz so bedrohlich, wie behauptet wird. Die in diesem Jahre beobachtete stürmische Preishausse ist zum Teil auf die Rückkehr von wenigstens einer Million arbeitsfähiger Franzosen aus den früheren Kolonien zurückzuführen. Sie alle haben erhebliche Gelder mitgebracht, die teilweise spekulativ eingesetzt wurden und die Preise entsprechend hinaufgetrieben haben. Ferner kann nicht bestritten werden, daß die Preisbewegung durch importierte Inflation, nämlich die außergewöhnlich hohen Überschüsse der Zahlungsbilanz – 4,3 Mrd. Dollar trotz Rückzahlungen von 2,5 Mrd. Auslandsschulden – einen Auftrieb erfahren hat. Diese Überschüsse der Zahlungsbilanz werden vermutlich auch weiter fließen, denn sie kommen zum Teil aus Dienstleistungen (Frachten, Versicherungsprämien, Zinseinnahmen) und schließlich aus Zahlungen für industrielle Investitionen ausländischer Anleger.

Der Einfluß des hat Money ist rechtzeitig durch das Verbot von Zinszahlungen auf Guthaben von Ausländern abgewehrt worden. Die Entwicklung der Handelsbilanz verursacht keine Sorgen. Im Monat August waren die Importe zu 98 % durch Ausfuhren gedeckt. Davon wurden 94 % aus dem Handel mit dem Ausland erzielt, der Rest entfiel auf Umsätze mit der Franc-Zone. Etwaige Verschlechterungen können ohne allzu große Schwierigkeiten durch Intensivierung des Warenumschlages mit den früheren Kolonialgebieten ausgeglichen werden.

Die Entwicklung der Handelsbilanz beweist, daß die internationale Wettbewerbsschwierigkeit bis jetzt wenigstens nicht ernstlich in Mitleidenschaft gezogen worden ist. Somit ist noch Zeit zum Handeln. Bei aller Skepsis der Bevölkerung ist nicht zu leugnen, daß die mit erheblicher Propagandaenergie aufgezogene Anti-Inflationskampagne psychologisch bereits gewisse Wirkungen gezeigt hat. Die Verbraucher sind preisbewußter geworden. In Abständen von zwei Wochen werden sich die Fachminister versammeln, um die erreichten Resultate zu prüfen und das begonnene Verordnungswerk systematisch zu vertiefen. Das Finanzministerium erwartet erst nach sechs Monaten Resultate, weil es der Auffassung ist, daß noch viel getan werden muß, bis Erfolge erzielt werden können.

Die zweite Stoßrichtung gilt der Geldseite. Schon zu Beginn des Jahres ist erkannt worden, welche Gefahren von der importierten Inflation durch die Zahlungsbilanz auf das Preisgefüge ausgehen können. Die Geldfülle schwoll besonders schnell an, weil die Rückwanderer aus Nordafrika schon vor beschlossener Heimkehr ins Mutterland an flüssigen Mitteln zurückschafften, was nur möglich war. Aus diesen Gründen wurden die sogenannten Liquiditätskoeffizienten der Banken mehrfach heraufgesetzt (zu vergleichen in etwa mit den deutschen Mindestreserven). Zunächst von 32 auf 35 % und dann im März noch einmal auf 36 %. Gleichzeitig wurden die Kreditmöglichkeiten der Banken eingeschränkt. Sie sind im Vergleich zum Vorjahr zunächst um 12 % und dann jetzt noch einmal um 10 % gekürzt worden. Im Frühjahr wurde, obwohl für den Staat dafür kein Bedürfnis bestand, eine erste Anleihe über eine Milliarde Franc zu 4 1/2 % aufgelegt. (Liquiditätsabschöpfung!) Darauf ist vor wenigen Tagen eine zweite Anleihe von 2 Mrd. gefolgt. Die Erlöse aus beiden Anleihen sollen offiziell dazu dienen, das Defizit im Staatshaushalt 1964 herabzusetzen. Diese Methode bedeutet eine Umkehrung. der bisherigen französischen Finanzpraxis. Aus Gründen der Zinsersparnis ist der Bedarf des Schatzamtes bisher durch Ausgabe von billigen, kurzfristigen Bons du tresor (2 bis 2,5 %), die überwiegend in das Portefeuille der Banken gingen, gedeckt worden. Diese kurzfristige, schwebende Schuld soll nun langfristig konsolidiert werden, obwohl die Zinslasten dadurch etwas steigen. Auf diesem Wege kann, falls erforderlich, fortgefahren werden, wodurch eine systematische weitere Abschöpfung von Kaufkraft bewirkt wird.

Eine Erhöhung des Diskontsatzes ist nicht erfolgt. Er bleibt mit 3,5 % unverändert. Wohl aber sind die Laufzeiten für Teilzahlungskredite von 24 auf 21 Monate verringert worden. Da die französische Bevölkerung von der Teilzahlung nur beim Kauf von Automobilen und elektrischen Haushaltgeräten Gebrauch macht, sind von dieser Beschränkung nur geringe Wirkungen zu erwarten. Wichtiger ist die Heraufsetzung des Maximalbetrages bei Sparkassenbüchern. Statt 10 000 können künftig ‚15 000 Francs auf das einzelne Buch eingezahlt werden, doch sollen die Zinssätze von jetzt 3 % bei höheren Einzahlungen nach unten gestaffelt werden.