Von Ivo Frenzel

Wenn es in späterer Zeit einem Historiker jemals einfallen sollte, die deutsche Dichtung der Gegenwart nach den Literaturpreisen zu beurteilen, die in den letzten Jahren bei uns verliehen worden sind, so würde er dabei zu ganz eigenartigen Rückschlüssen kommen. Er könnte zum Beispiel annehmen, daß das jetzige Deutschland eine große Schar überaus bedeutender und qualifizierter Schriftsteller und Dichter sein eigen nenne und daß unsere wiederaufgebauten Städte in wahre Musenzentren verwandelt seien, deren Bürger der Literatur nicht nur stets viel Aufmerksamkeit schenken, sondern sich die Dichtung auch ganz uneigennützig etwas kosten lassen. Denn unter den rund 120 Literaturpreisen, die in der Bundesrepublik regelmäßig und zum Teil sogar jährlich verliehen werden, sind Dotierungen von zehntausend Mark heute keine Seltenheit mehr. Dem Zeitgenossen freilich, der wenig Anlaß sieht, den Folgerungen unseres fiktiven Historikers zuzustimmen, stellt sich angesichts der Vielzahl der Ehrungen, mit denen unsere Schriftsteller jährlich überschüttet werden, die Frage nach dem Sinn solcher Auszeichnungen.

Literaturpreise sind so alt wie die Literatur selbst. Seit Menschengedenken pflegen die Herrschenden den Sängern und Dichtern für ihre Werke in besonders auffallender Weise zu danken. Uralt ist auch die Idee des musischen Wettbewerbs, dessen Sieger einen Preis erringt. Nicht nur der mittelalterliche Sängerstreit zeugt davon. Ohne die Wettbewerbe, die in der Antike alljährlich im frühen Frühling zu Ehren des Dionysos stattfanden, besäßen wir heute vermutlich nicht die griechische Tragödie, wüßten nichts vom Beginn unserer literarischen Tradition.

Die Bürgerschaft war es, die zunächst im Rahmen des Staatsfestes die Aufführungen veranstaltete. Ausgezeichnet wurde immer nur ein bestimmtes Werk, der Autor also nur mittelbar, Dabei müssen sehr strenge Maßstäbe gegolten haben: Von Euripides zum Beispiel wissen wir, daß er mindestens achtundachtzig Stücke geschrieben, aber nur viermal gesiegt hat.

Solche Reminiszenzen mögen helfen, den ursprünglichen Sinn des literarischen Preises als Auszeichnung für eine einmalige dichterische Höchstleistung wieder ins allgemeine Bewußtsein zu rufen. Dieser Sinn scheint heute bei uns weitgehend in Vergessenheit geraten zu sein; freilich nicht so sehr im Ausland.

In Frankreich zum Beispiel, wo die Zahl der Literaturpreise sehr hoch ist (wahrscheinlich beträgt sie über fünfhundert), gelten die interessanten, internationale Beachtung verdienenden Preise beinahe ausschließlich-der Auszeichnung eines einzelnen Buches. Mit dem Prix du Roman der Académie Française wird alljährlich eine neue Arbeit eines jungen Autors bedacht, auch der begehrte und prominente Prix Goncourt oder der Prix Femina gelten jeweils einem bestimmten Werk. Ähnlich ist es in anderen Ländern: Der spanische Premio Nadal wird jährlich für den besten spanischen Roman vergeben. Und auch der berühmteste Literaturpreis in den Vereinigten Staaten, der Pulitzer-Preis, wird in all seinen Kategorien durchweg für ein bestimmtes Werk verliehen. (Hemingway erhielt ihn 1953 für seine Novelle „Der alte Mann und das Meer“, Tennessee Williams 1948 für sein Drama „Endstation Sehnsucht“, Eugen O’Neill 1957 für das Schauspiel „Eines langen Tages Reise in die Nacht“.)

Auch zwei prominente internationale Preise, die vor einigen Monaten wieder viel von sich reden machten, der Prix Formentor und der Internationale Verlegerpreis, berücksichtigen jeweils ein einzelnes Buch. Freilich zeigt sich hier eine Problematik eigener Art: Peinlich wird es, wenn die Preiskämpfe, wie damals in Korfu, nicht mehr zwischen Autoren, sondern zwischen den international zusammengesetzten Juroren stattfinden und wenn außerdem verlegerische und damit weitgehend kommerzielle Interessen ins Spiel kommen.