Heute ist der Krach längst vorbei, und es soll kein Wort darüber verloren werden. Denn auch heute noch sind die Feste frisch in Erinnerung, an denen er seine Geburtstage feierte, fröhlich im Kreise der Fröhlichen und der ihm Dankbaren: Richard Tüngel. Er ist am 1. Oktober 70 Jahre alt geworden.

Ach, Tüngel. Mußten wir uns derart zerstreiten? Aber heute gilt es, das Verbindende zu feiern und nicht das anzurühren, was uns eines Tages plötzlich trennte.

Richard Tüngel wurde Chefredakteur der ZEIT, nachdem Ernst Samhaber, der erste „Chef“, von den Besatzungsbehörden „abgeschossen“ worden war. Da fand Tüngel für Samhaber die leidenschaftlichsten Worte, die ich bis dato je gelesen hatte. Und überhaupt: Die Leidenschaft, die demokratische Leidenschaft, war Tüngels persönliche Besessenheit. Samt einer poetischen, unvergeßlich charmanten Milde, die dann zutage trat, wenn man in der Kneipe das besprach, was zukünftig zu tun sei. Dabei ist „Kneipe“ ein falscher Ausdruck. Denn in Anwesenheit Tüngels veränderte sich jedes Kellerlokal in eine hanseatische „Gute Stube“. Seine Höflichkeit und Generosität waren nämlich überall und immer ebenso bezaubernd wie der Zorn, der ihn in politischen Sachen rasend machen konnte.

Erste Nachkriegsjahre. Es war die Zeit der genialen Dilettanten. Tüngel war Architekt gewesen – herausgeschmissen wegen seiner demokratischen und modernen Kunstgesinnung, „gefeuert“ aus seinem Amt des Städtebauers in Hamburg. Er war still nach Berlin gegangen und hatte mit einem ebenfalls herausgeschmissenen gewissen Professor Theodor Heuss am „Roseneck“ seinen Wein getrunken. Kein Geld haben und doch Wein trinken: Kavaliere! Sie saßen da, verachtet, und sie liebten Deutschland: Tüngel und der spätere Bundespräsident.

Nicht aus journalistischem Berufe, sondern aus politischer Berufung ist Tüngel nach dem Kriege Journalist geworden. In einer wundervollen Kneipe am Hamburger Hafen – ich weiß es „wie heute“ – wurde beschlossen, die gerade „lizenzierte“ Wochenzeitung DIE ZEIT nicht als mögliche Quelle des Geldverdienens (wie einige angeraten hatten), sondern als einen Platz für freie deutsche Meinung zu machen – koste es, was es wolle, und auf die Gefahr des Irrtums und der Pleite hin. Beschlossen und auf den Tisch gehauen!

Prompt passierte es, daß die Besatzungsbehörden die Auflage der ZEIT beschränkten – dank Tüngel, ja Dank! Es passierte, daß seine Leitartikel daraufhin in simplen Durchschlägen durch Deutschland kursierten, von Hand zu Hand gereicht. Artikel mit herrlich einfachen und gottgesegnet dilettantischen Titeln, die vornehmlich mit „ohne“ anfingen: „Ohne Recht“... „Ohne Freiheit“... „Ohne Würde“ oder dergleichen.

Eine Zeitlang ist Tüngel tatsächlich etwas wie ein Praeceptor Germaniae gewesen. Er war bei alledem der journalistische Anti-Routinier. Hier war seine Stärke, hier war seine Schwäche. In Wirklichkeit ist er – der Sohn eines bedeutenden Hamburger Arztes – ein vollständig künstlerischer Mensch, voller Lyrik, voller Musikalität, voller Sensibilität. Und es ist sehr wohl möglich, daß seine Sammlung von Handzeichnungen, die er mühselig schon begonnen hat, als er noch ohne einen Pfennig war, Geltung haben wird. Die Fachleute bewundern sie schon heute.