/ Von Peter Hemmerich

Ein halbes Jahr hat es gedauert, bis nach der Berliner Uraufführung die nächste deutschsprachige Bühne Hochhuths „Stellvertreter“ herausbrachte. Und daß gerade Basel die zweite und damit, wie so oft, vielleicht die entscheidende Station des berühmt-berüchtigten „Christlichen Trauerspiels“ war, also keine deutsche Bühne, keine der großen, der „avantgardistischen“ Bühnen, das scheint mir nicht eines tieferen Sinnes zu entbehren – auch ohne jene Begleitumstände, welche diese Basler Premiere in den Rang eines echten Theaterskandals erhoben, eines guten Theaterskandals, so schön, wie wir ihn im Bannkreis deutscher Zunge schon lange nicht mehr gehabt haben.

Auch in Basel war als erste Reaktion auf die Annahme von Hochhuths Stück das eingetreten, was Johannes Jacobi in seiner Uraufführungsrezension als „Gesinnungsdruck“ apostrophierte (mit deutlichem Fingerzeig auf das katholischoffizielle Berliner Bistumsblatt). Aus der Rückschau stellen sich die Basler Ereignisse aber ganz anders, dar: Ganz im Gegensatz zu Berlin ist die Tradition, des Basler Schauspiels dürftig, gemessen an dem, was die Stadt an Musik und bildender Kunst bietet, fördert und zur Diskussion stellt. Die Erklärung dafür ist einfach genug: Von den Zentren der deutschen Schweiz empfindet allenfalls Zürich literarisch in jener Sprache, deren Erfindung man seit Luther datiert und welche dort unter dem Namen „Schriftdeutsch“ bekannt ist. Zürich stützt sich dabei heute nicht, mehr so sehr auf seinen Stadtschreiber Keller als vielmehr auf seine Emigranten deutscher bis russischer Herkunft; Und man hat bisweilen den Eindruck, als ob auch Frisch und Dürrenmatt sich in einer Art von „innerer Emigration“ befänden. Bern hingegen empfindet in Stunden gehobener Muße französisch, während Basel jederzeit und immerdar baseldeutsch denkt, also etwa in der Sprache Johann Peter Hebels.

Aber wofern es nicht ums geschriebene, sondern ums gesprochene Wort geht, führt kein Weg von Hebel zu Hochhuth, auch nicht durch ein Nadelöhr. Natürlich findet Hebels Sprache heute keinen Verleger, aber sie lebt im Stegreif relativ unangefochten, zumal die Basler polyglott und geschmackvoll genug sind, Filme in der Ursprache und deutsche Filme am liebsten gar nicht zu genießen. Und deshalb ist das Basler Sprechtheater so etwas wie ein „schwäbischer“ Pfahl im Fleisch der Polis, stets zwischen Scylla und Charybdis, zwischen Verachtung und Empörung seines Publikums vegetierend, in Vergessenheit oder Auseinandersetzung, tertium nondatur. Schramm, der mutige derzeitige Leiter dieses Hauses, wählte mit Hochhuth die Auseinandersetzung, und er herkam sie – was sowohl für ihn spricht wie für die Basler.

Wer aber waren die Empörten? Natürlich zuerst die Katholiken, aber wenn man dies feststellt, so hat man zu bedenken, daß der Bischof von Basel zu Solothurn residiert – weil ihn nämlich die Basler zu Zeiten der Reformation vor die Tür gesetzt und bis auf den heutigen Tag nicht, wieder in die Stadt gelassen haben. Und als ich jüngst beim Weine in einer der illustren Beizen des alten Basel mit einem Basler „geistlichen Freund“ in etwas hitzige Diskussion geriet, beschwichtigte mich jener sogleich mit der Bitte, nicht alle Umsitzenden merken zu lassen, daß er Jesuit sei: Katholischer „Gesinnungsdruck“ produziert sich in Basel, wie man sieht, nicht gar so leicht. Nein, von den zwei Parteien, in welche Basel in diesen Tagen gespalten ist, trägt die eine den Katholizismus zwar als Panier vor sich her, aber es gibt keinen Großinquisitor.

Es ist viel eher der Protest einer Stadt, die den Humanismus miterfunden hat und daher sich von Hochhuth plagiiert fühlt: Das Große Basler Welttheater ist die alljährliche „Fasnacht“, welche ja nichts mit „Fasching“ oder „Carneval“ zu tun hat, sondern ein überaus ernstes, nach strengen Regeln geübtes Stegreif-Turnier auf Hieb und Stich ist, betrieben von zwei- bis dreitausend aktiven Hochhüthen, welche Jahr um Jahr Gott und die Welt, sich selber inbegriffen, in ein unerbittliches Gericht nehmen: Dagegen sind Mainzer Büttenreden eine dünnblütige, betuliche Effekthascherei. Und diese Leute fragen sich: Was soll uns dieser Deutsche?

Das stand natürlich nicht auf den Transparenten der Schweigemarschierer. Da waren die dünnen, „offiziellen“ Ladenhüter-Parolen: Hochhuth will die Deutschen exkulpieren“ – als ob nicht die Argumentation, Hitler sei ein Wahnsinniger gewesen, den man bei seinem Geschäft nicht habe stören dürfen, wollte man nicht alles verschlimmern, und als ob nicht diese „Pro-Pio“-Rede die Deutschen viel gründlicher exkulpierte. „Spielt Schweizer Dramatiker“ – als ob nicht Max Frisch dasselbe meinte wie Hochhuth. „Hochhuth war damals ein Kind“ – als ob nicht gerade dies die einzige Legitimation wäre für einen Deutschen, gerade jene Pilatusfrage zu stellen, hier und heute. Jede einzelne Parole auf dieser Seite so verfehlt wie jenes Argument der andern: „Basel kein Vietnam.“