Von Richard West

Nicht jedes Stück, das in London herauskommt, kann in seinem Programmheft mit päpstlichen Zitaten aufwarten. Aber auch ohne solche nicht alltägliche Reklame hätte Rolf Hochhuths im Aldwych Theatre aufgeführter „Stellvertreter“ Staub aufgewirbelt. Die englischen Theaterbesucher hatten durch Zeitungslektüre von den Protesten in Berlin und Frankfurt, den Schlägereien in Basel und dem Verbot in Amsterdam gehört. Den Pausengesprächen nach zu urteilen, hatte gut die Hälfte der Premierenbesucher das Stück gelesen oder in Berlin gesehen – oder tat zumindest so.

Vor dem Theater selber passierte nicht viel. Vertreter einer römisch-katholischen Organisation teilten Zettel aus. Aber es gab keine Schlägereien und Zurufe wie zum Beispiel im Juli, als die griechische und die englische Königsfamilie dasselbe Theater im Schutz von einigen tausend Polizisten besuchten.

Auch im Theater selber tat sich während der ersten Hälfte des Stückes nicht viel Aufregendes. Die Szene im Berliner Bierkeller war eine glatte Panne. Die Spieler schienen nervös und unsicher. Die eingeblendeten Wochenschauaufnahmen waren kaum zu erkennen auf dem rauhen Papiermachehintergrund. Damit nicht genug, endete der Ton in einem elektronischen Laut-Tohuwabohu.

In der zweiten Hälfte hingegen schienen Schauspieler und Regie Selbstvertrauen gewonnen zu haben, die berühmte Papst-Szene wurde schweigend aufgenommen. Und im Londoner Bronchialklima will es wirklich etwas heißen, wenn das Publikum zwanzig Minuten ohne Hustenanfall stillsitzt. Am Schluß waren, wie einige Zeitungen vermerkten, die meisten Zuschauer zu betroffen, um zu applaudieren. Aber das mag nicht nur an Hochhuths Drama gelegen haben.

Nach dem letzten Wort der Auschwitz-Szene projizierte eine Filmkamera einige Wochenschauaufnahmen von Auschwitz, darunter als letzte ein Bild von den Räumpflügen, die die Leichen zusammenschoben. Selbst eine Generation, die an Auschwitz-Filme gewöhnt ist, mußte durch dieses gigantische Grauen zum betroffenen Schweigen gebracht werden.

Die Kritiker unterschieden in ihren Stellungnahmen deutlich zwischen dem dramatischen und dem politischen Wert des Stückes. Im ganzen schienen die, die mit seiner Tendenz nicht übereinstimmten, es auch für ein schlechtes Stück zu halten. Philip Hope-Wallace im Guardian war recht aggressiv: „In dieses Stück in der Hoffnung zu gehen, eine objektive Darstellung der Lage des Vatikans zu bekommen, der in die Enge getrieben war und sich in einer äußerst brenzlichen, diffizilen und vielleicht auch blamablen Position befand (was aber zur Zeit des Geschehens durchaus nicht klar war), ist genauso sinnvoll, wie zum ‚Don Carlos‘ zu gehen, wenn man etwas über die Inquisition erfahren will.“ Und zum Stück selbst: „Offen gesagt war es oft recht flach: schwaches, ziemlich farbloses deutsches Historiendrama im Stil der Hauptmannnachfolge.“ Hope-Wallace hat den Eindruck, daß das Stück „eine weitere Manifestation der Deutschen war, die nach dem Motto ‚Zwar sind wir schuldig, aber viele andere auch‘ sich ihrer Schuld entledigen wollen“. Die meisten Kritiker erwähnten diesen Punkt, aber fast alle anderen sprachen Hochhuth von dieser moralischen Zweideutigkeit frei. Selbst der Kritiker der Times, der das Stück nicht sonderlich pries, schrieb: „Es wäre lächerlich, das Stück als den Versuch eines Deutschen, einen Sündenbock für die Verbrechen seiner eigenen Nation zu finden, zu verstehen.“