Der Strukturplan für die Universität Bochum ist vom Gedanken der vielseitigen Kooperation der Wissenschaften bestimmt. Aber auf den ersten Blick spricht alles, was wir beobachten, so sehr gegen diese Idee, daß man gute Gründe braucht, um sie vor dem Verdacht der puren Illusion zu schützen. Wir beobachten die ständig zunehmende Spezialisierung der Wissenschaften; sie ist nur ein Sonderfall der allgemeinen Arbeitsteilung in der modernen Welt. Wir sehen auch, daß viele wissenschaftliche Spezialisten sich diesem Sachverhalt in ihrer seelisch-geistigen Verfassung längst angepaßt haben; sie reagieren nur noch auf die Reizworte ihres Interessengebietes. Wenn sie etwa genötigt sind, eine Situation zu beurteilen, die die Universität im ganzen angeht, so finden sie doch für ihre Urteilsbildung immer nur die Exempel aus dem eigenen Fach. Nicht anders verhält sich eine große Zahl von Studenten; sie betonen ihre speziellen Interessen so sehr, daß sie ihren Horizont verengen und daß deshalb in ihrem Blickfeld die Universität als eine institutionelle Einheit nicht mehr sichtbar wird.

Wäre die Tendenz der spezialistischen Wissenschaftsarbeit mit ihren hier angedeuteten Folgeerscheinungen unabänderlich, dann würde allerdings jeder Versuch einer stärkeren Verbindung der Disziplinen vergeblich sein. Es ist jedoch deutlich, daß die Entwicklung der Spezialwissenschaften in entgegengesetzter Richtung verläuft, daß die Forschungsarbeit tatsächlich zu einer engen Kooperation bisher getrennter Gebiete zwingt und daß mit dem Fortschritt der wissenschaftlichen Erkenntnisse die Grenzen zwischen den Disziplinen und Fakultäten fallen. In den Naturwissenschaften kann auch der Außenstehende diesen Prozeß bereits an den Namen neuer Wissenschaftsbereiche ablesen, zum Beispiel vereinigen sich in der Biochemie die biologische und die chemische Forschung. Der Physiker belehrt uns, daß innerhalb seines Bereiches die früher geläufigen Trennungen der Forschungsgebiete längst aufgehoben sind. Wir erkennen außerdem, daß heute viele Probleme sich gerade in den Grenzgebieten der verschiedenen Wissenschaften stellen und daß sie deshalb unter dem Aspekt mehrerer Disziplinen behandelt werden müssen.

So können Erziehungsfragen nicht im abgezirkelten pädagogischen Bereich behandelt werden, sie greifen aus auf die Bereiche der Soziologie, der Medizin, der Rechtswissenschaft; damit habe ich bereits Disziplinen aus drei anderen Fakultäten genannt, die sich mit der in der Philosophischen Fakultät beheimateten Pädagogik vereinen. Der Rechtswissenschaft wird oft vorgehalten, daß sie zu formalistisch betrieben werde und daß mit der Trennung der rechtswissenschaftlichen und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten eine sowohl für die juristischen wie für die ökonomischen Disziplinen nachteilige Abspaltung und Verengung eingetreten seien. Oder ein anderes Beispiel: Literaturgeschichte und Sozialgeschichte müssen sich im Blickfeld der Studenten zusammenfinden und ergänzen; nur so gewinnt er ein wirklichkeitsnahes Bild einer vergangenen Epoche, nur so begreift er auch, was Dichtung und Schriftkultur in einer bestimmten Epoche bedeuteten und wo die Möglichkeiten und die Grenzen ihres Einflusses und ihrer Wirksamkeit lagen – eine Frage, die sich erfahrungsgemäß denen, die nur den Ideengehalt der Kunst studieren, überhaupt nicht stellt, und das sind leider nicht wenige.

Der Strukturplan für die Universität Bochum bestätigt diese Sachverhalte und bekräftigt die Forderung einer vielseitigen Kooperation der Disziplinen mit dem Beispiel der Eingliederung der Ingenieurwissenschaften, deren instruktive Bedeutung darin liegt, daß sie über den bisherigen Bereich der Universität hinausgreift und damit Neuland für die wissenschaftliche Forschung und die akademische Lehrtätigkeit eröffnet. Dieses Projekt, das sowohl der Wissenschaftsrat als auch die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen befürworteten, hat der Gründungsausschuß auch aus der Erwägung aufgegriffen, daß es am ehesten einer Hochschule anvertraut werden kann, die mit ihrer Lage im Ruhrgebiet alle natürlichen Voraussetzungen hierfür erfüllt. In der Denkschrift wird hervorgehoben, daß man in diesem Plan die wichtigste Bewährungsprobe des Prinzips der Kooperation der Disziplinen sieht. Ich halte es deshalb für angebracht, den Text anzuführen, der nicht nur diesen Plan begründet, sondern auch Umfang und Ziel dieser Zusammenarbeit beschreibt:

„Die Verflechtung der Disziplinen, die in allen Bereichen erstrebt wird, soll in der künftigen Universität Bochum ihre für diese Hochschule charakteristische Bewährung in der Einfügung der Ingenieurwissenschaften finden. Es ist nicht beabsichtigt, eine Universität mit einer Technischen Hochschule äußerlich zu verbinden oder gar eine Technische Hochschule unter dem Titel einer ingenieurwissenschaftlichen Abteilung zu kopieren. Es kommt vielmehr darauf an, die Ingenieurwissenschaften in engsten Konnex mit den Naturwissenschaften und auch mit den Geisteswissenschaften zu bringen, um der heutigen Bedeutung der Technik für viele Lebens- und Wissenschaftsbereiche gerecht zu werden und um andererseits Impulse, die von bisher an Technischen Hochschulen nicht gepflegten Disziplinen ausgehen können, auch für die Ingenieurwissenschaften fruchtbar zu machen. Die naturgemäß stark praktisch akzentuierte Denkweise der auf die Technik gerichteten Disziplinen trifft hier mit den vorwiegend theoretischen Interessen der Universitätsfächer zusammen. Gerade darin darf man einen Weg zu einer wissenschaftlichen Betrachtung sehen, die in Verbindung beider Denkformen neue Forschungsgebiete erschließen und auch bisher getrennt behandelte Probleme zusammenfügen kann. Diese Überzeugung findet in den Strukturplänen darin ihren Ausdruck, daß eine enge Verklammerung besonders zwischen Mathematik, Naturwissenschaften und Ingenieurwissenschaften vorgesehen ist, sowie außerdem darin, daß von mehreren geisteswissenschaftlichen Lehrstühlen und Instituten aus die Verbindung zu den ingenieurwissenschaftlichen Disziplinen und zur Welt der Technik hergestellt wird. Durch diesen Plan einer wirklichen Eingliederung ist auch die Auswahl der ingenieurwissenschaftlichen Fächer bestimmt.“

Dieser Begründung will ich einige kulturpolitische Argumente in aller Kürze hinzufügen: Bei Eingliederung der Ingenieurwissenschaften ist zu erhoffen, daß im allgemeinen die Technik sachgerechter eingeschätzt und störende Vorurteile überwunden werden. Man wird endlich aufhören, in der technischen Welt eine Art von Sündenfall des Geistes zu sehen. Zugleich ist zu erwarten, daß im Zusammenwirken von technischen Disziplinen und Geisteswissenschaften der Blick für den Gebrauch und Mißbrauch der Technik geschärft wird. Das gilt besonders für den künftigen Ingenieur selbst, der auf diese Weise im Studium leichter diese menschliche Dimension seines Fachgebietes erkennen kann. Das alles spricht für eine Eingliederung der Ingenieurwissenschaften in die Universität. Es ist aber auch zu beachten, was diese Eingliederung für die Universität selbst bedeutet: Eine Universität, die – wie in Bochum – auf breiter Grundlage heute errichtet wird, ist es ihrem eigenen Namen und ihrem Auftrag schuldig, die Technik und deren wissenschaftliche Disziplinen aufzunehmen, die nicht beliebige Spezialitäten sind, sondern auf die Gestaltung der modernen Welt und alle ihre Lebensbereiche einwirken.

Die auf diese Weise erstrebte Kooperation ändert natürlich nichts an dem Tatbestand, daß die Wissenschaften in Spezialbereiche aufgegliedert sind. Es erscheint aber notwendig, daß die Universität eine Reihe wirksamer Hilfen gibt, damit der Brückenschlag zwischen den Fächern besser als bisher gelingt. Die erste Voraussetzung hierfür ist eine sinnvollere Aufgliederung und Zusammenfassung der Disziplinen, als wir sie in den Fakultäten der bestehenden Universitäten vorfinden.