HAMBURG (Kunstverein): „Italien 1905–25“

90 Bilder hat Dr. Ewald Rathke, Direktor des Frankfurter Kunstvereins, aus italienischen Sammlungen, speziell aus Mailänder Privatbesitz, zusammengebracht, um Italiens Beitrag zur modernen Malerei zu demonstrieren: Futurismus und pittura metafisica. Es ist nicht bloß ein Akt kunsthistorischer Gerechtigkeit, daß man sich seit der Futuristen-Ausstellung in München 1959 jetzt wieder mit diesem wichtigsten Kapitel der neueren italienischen Kunst befaßt – Frankreich und die Pariser Malerei zwischen 1905 und 1925 sind wissenschaftlich, publizistisch und durch Ausstellungen längst bis in die letzten Winkel durchleuchtet. Der Futurismus dagegen, zwischen 1910 und 1914 die populärste künstlerische Bewegung in Europa, so populär, daß Freunde und Gegner sich Straßenschlachten lieferten, ist fast vergessen, ein Begriff ohne lebendige Anschauung. Die Hamburger Ausstellung bringt sehr gut gewählte Bilder der fünf Maler, die das „Technische Manifest der futuristischen Malerei“ von 1910 unterschrieben haben: Boccioni, Carrà, Russolo, Balla und Severini, dazu Bilder der Maler, die später dazukamen, wie Rosai, Sironi und Soffici. Die Futuristen gaben der Malerei einen neuen Inhalt: die Dynamik des modernen Lebens, Großstadt, Tempo, Maschinen, „unser sprudelndes Leben aus Stahl, Holz, Fieber und Schnelligkeit“. Ihr technisches Problem: wie läßt sich Bewegung, Geschwindigkeit ins Bild bringen? Indem man das Nacheinander der diversen Phasen eines zeitlichen Ablaufs in ein Nebeneinander verwandelt, Prinzip der Simultaneität. Man malt Objekte in Bewegung, Reiter, Radfahrer, Autos, Tänzerinnen, die Strafe, auch seelische Abläufe. Carràs galoppierendes Pferd auf seinem Reiteraquarell von 1912 ist ein Beispiel für die futuristische Methode. Der Pariser Kubismus wird formal übernommen und der Bewegungskoeffizient hinzugefügt. Daß die futuristische „Dynamik“ viel später mit den politischen Ideen des Faschismus aufgeladen und gleichgeschaltet wurde, kann man seinen Erfindern, die politisch zum Anarchismus neigten, nicht zum Vorwurf machen. Als Mussolini den Futurismus zur offiziellen Kunst des Regimes proklamierte, war dieser Futurismus längst gestorben. Um 1915 war das Pendel in der italienischen Malerei bereits vom turbulenten Dynamismus zur vollkommenen Stille der pittura metafisica geschlagen, die hier durch einige Architekturbilder von Chirico und Carrà repräsentiert wird. Die Ausstellung bleibt bis zum 3. November in Hamburg und geht weiter nach Frankfurt.

BERLIN (Akademie der Künste): „Schlemmer“

Oskar Schlemmer wäre im September fünfundsiebzig geworden. Einzelgebiete aus seinem Werk, vor allem die Aquarelle, sind in den letzten Jahren häufig gezeigt worden. Die Berliner Akademie hat dem einstigen Bauhaus-Meister (gestorben 1943) zu den Berliner Festwochen eine Umfassende Retrospektive gewidmet: über 80 Gemälde, über 150 Aquarelle und Zeichnungen, dazu 200 Proben aus seiner Arbeit für die Bühne, Figurinen, Masken, Bühnenbild- und Kostümentwürfe. In einem Sonderraum sind einige Originalkostüme zu seinem „Triadischen Ballet“, das während seiner Bauhaus-Jahre entstanden ist. Schlemmer hat neben der Bildhauerwerkstatt in einer Sondersendung den Ausschuß mit Argumenten angegriffen habe, die auch in der öffentlichen Diskussion in der Bundesrepublik anzutreffen seien ... Dennoch macht man es sich in Bonn ... nicht leicht.“

Mit solchen Argumenten macht man es sich eben doch leicht, und es ist besorgniserregend, zu sehen, mit welcher Unverfrorenheit der Appell an die Notlage – Feind im Osten – als Rechtfertigung dazu benutzt wird, mißliche Zustände in der Bundesrepublik mit dem milden Mantel der Toleranz, womöglich des gutwilligen Vergessens zuzudecken. Nur weil das DDR-Fernsehen ihn auch aufgepickt hat, ist der Vorwurf noch lange nicht aus der Welt, und es ist unser Recht, auf eine Überprüfung dieser Angelegenheit zu dringen. uwe

auch die Bauhaus-Bühne geleitet. Er hat Ballette nicht nur entworfen, er war selber Tänzer. Seine Bemühungen um eine konstruktivistische Umgestaltung von Ballett und Bühne sind für die Theatergeschichte der zwanziger Jahre interessant und zugleich ein Symptom für eine gewisse sektiererische Seite, die das Bauhaus sicher auch gehabt hat. Wirklich lebendig ist heute der Maler Oskar Schlemmer, nur der Maler, mit seinen drei oder vier Bildern, Bildgruppen, Variationsreihen, die sich sogar auf ein einziges Bildthema, „Figur im Raum“, reduzieren ließen. Menschen auf der Treppe, Figuren in einer Architektur, Fensterbilder und Köpfe. Die Gesichter fast immer im Profil, diesem unvergleichlich einprägsamen, gradlinigen Schlemmer-Profil. Eine schmale Basis für ein großes Lebenswerk: „Vielfältige Figurisation des Menschen – in abstrakten Räumen der Zukunft“ (Schlemmer). – Die Ausstellung bleibt bis zum 31. Oktober. g. s.