Viele Jahre hindurch standen Textil-Aktien an den deutschen Börsen in dem Ruf, mit besonderen Risiken belastet zu sein. Tatsächlich durchschritt die deutsche Textil-Industrie eine Strukturkrise, die wohl auch heute noch nicht bis in ihre letzten Phasen hinein beendet ist. Das darf den Anleger aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß aus der sogenannten Textilkrise, die sich teilweise aus dem harten internationalen Wettbewerb – auch auf dem deutschen Markt – ergab, inzwischen einige Unternehmen hervorgegangen sind (oder besser: sich behauptet haben), die durchaus konkurrenzfähig sind und auch gute Gewinne erzielen. Diese Erkenntnis war es vor allem, die in den vergangenen Wochen einige Anleger dazu bewog, sich näher mit Textilaktien zu befassen.

Daß dazu auch gewisse spekulative Erwägungen beigetragen haben, braucht nicht abgestritten zu werden. Im Mittelpunkt der Spekulation standen zeitweise die Aktien der Phrix-Werke AG, Hamburg, deren Kurse in diesem Jahr beträchtlich geschwankt haben. Immerhin sind sie von 157 % am Jahresbeginn auf rund 200 % im September gestiegen. Die Dividende beträgt seit 1960 unverändert 8 % und bislang deutet nichts darauf hin, daß im laufenden Geschäftsjahr von diesem Satz abgewichen werden wird. Auf der heutigen Kursbasis läßt sich also eine ziemlich sichere Rendite von 4 % ausrechnen.

Sicherlich haben bei dem Kursanstieg der Phrix-Aktien in diesem Sommer Renditeerwägungen nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Entscheidender waren alle möglichen Versionen über Aufkäufe von Phrix-Aktien. Seit langem herrscht ein großes Rätselraten darüber, in welcher Hand sich die einflußgebenden Aktienpakete der Phrix-Werke befinden. Alle Stellen, die „verdächtigt“ werden, eine Schachtelbeteiligung oder mehr zu besitzen, haben solche Versionen bislang dementiert. Über den Wert solcher Dementi hat die Börse ihre eigenen Ansichten. Niemand wird jedoch ableugnen können, daß die Phrix-Verke nach einer Krise, die sie hart an den Rand des Abgrunds geführt hatte, wieder zu einem begehrten Objekt geworden sind, das zudem mit 200 % relativ billig zu haben ist. Aber das scheint nur so. Denn die Börse ist hellhörig. Schon der leiseste Verdacht, daß hier jemand bemüht sein könnte, Pakete abrunden oder zusammenkaufen zu wollen, ruft eine Masse von „Mitläufern“ auf den Plan, die den Kurs sprunghaft nach oben treiben.

Weniger turbulent ging es – kursmäßig betrachtet – bei einem anderen Papier der deutschen Textil-Industrie zu, nämlich bei der Aktie der Girmes-Werke AG, Oedt bei Krefeld. Nichtsdestoweniger ist hier der Kurs seit dem Jahresbeginn von 293 auf 448 % gestiegen. Girmes hat es fertiggebracht, für 1962 die Dividende um 2% auf 16 % zu erhöhen. Dafür wurden 2,4 Mill. DM gebraucht. Außerdem konnten der freien Rücklage noch 1,5 Mill. und dem Pensionsfonds noch 1 Mill. DM zugewiesen werden. Obgleich erst 1960 das Kapital aus Gesellschaftsmitteln um 5 auf 15 Mill. DM erhöht worden war, machen die Rücklagen immer noch 10,52 Mill. DM aus. Die Selbstfinanzierungsquote betrug 1962 rund 62 %.

Diese gesunden Verhältnisse mögen es auch gewesen sein, die das Bankhaus Poensgen, Marx 6 Co., Düsseldorf, dazu bewogen haben, in einem kurzen Exposé ihre Kundschaft auf dieses Papier aufmerksam zu machen. Darin heißt es u.a.: „Mit einer Umsatzsteigerung von 7,4 % und einem Gewinnzuwachs von rd. 14 % in 1962 schloß die Girmes-Werke AG nicht nur ihr erfolgreichstes Geschäftsjahr der Nachkriegszeit ab, sondern sie nimmt auch damit eine Sonderstellung innerhalb der heute mit zahlreichen Schwierigkeiten kämpfenden Textilbranche ein. Daß die Girmes-Werke AG nicht von der abgeflachten Konjunkturentwicklung in diesem Wirtschaftszweig betroffen wurde, hängt in erster Linie mit der Herstellung von Spezialerzeugnissen zusammen, die eine günstige Marktposition geschaffen haben, und an rechtzeitig vorgenommenen Rationalisierungsinvestitionen. Der Wert der fünf wichtigsten Beteiligungsgesellschaften allein liegt erheblich über dem in der Bilanz ausgewiesenen Buchwert der Beteiligungen von 2,14 Mill. DM. Die wesentlich verbesserte Ertragskraft findet ihren Niederschlag auch in der Zunahme der Steuern vom Einkommen, Ertrag und Vermögen um rd. 33 % von 4,05 auf 5,38 Mill. DM. Auf der Basis des Tageskurses von 448 % errechnet sich eine Rendite von 3,6 %.“ -ndt