Gomulka versucht, sich aus dem ideologischen Streit herauszuhalten

Die Gärung, die fast überall im Ostblock bemerkbar wird, seit der chinesisch-sowjetische Konflikt sich verschärfte, scheint jenes Land zu verschonen, in dem die kommunistische Reformbewegung schon vor sieben Jahren den sichtbarsten und bisher dauerhaftesten Erfolg zeitigte: Polen. Schon nach dem 22. Parteitag in Moskau, 1961, hatte Gomulka die Parole ausgegeben, die Entstalinisierung sei in Polen längst vollzogen, die anderen Länder hätten da vieles nachzuholen, für Polen jedoch gelte es, das Gleichgewicht zu wahren. Der polnische Parteichef, der das Ausmaß des damals erst noch untergründig schwelenden Streites mit Peking sehr genau kannte, war sich bewußt, daß sein Land bei genauerem Hinsehen nicht viel weniger Angriffsflächen für eine doktrinäre Kritik bot als etwa Jugoslawien, von dem die Pekinger „Rote Fahne“ am 26. September schrieb, es sei seit Jahren „in einem Meer von privater Landwirtschaft versunken“, und so etwas nenne Chruschtschow „sozialistisch“.

Prüfstein: Kolchosen

Die Agrarfrage ist es, die mehr als alle anderen „liberalen“ Momente das Bild Polens in der kommunistischen Wertskala bestimmt: Die Auflösung des Kolchossystems, die Gomulka vor sieben Jahren hinnahm, ging weiter, ja, sie steigerte sich; in den letzten zweieinhalb Jahren wurden 757 Kolchosen aufgelöst und nur 80 neue gebildet, in den ersten sechs Monaten 1963 allein verschwanden – nach offizieller Statistik – 99, während nur vier neu und freiwillig organisiert wurden. Nur ein Prozent des Bodens in Polen wird von solchen Genossenschaften bewirtschaftet. Und wenn von sowjetischer Seite heute den Chinesen vorgehalten wird, der „sozialistische Sektor“ in der Landwirtschaft Jugoslawiens habe durch Bildung der sogenannten „Allgemeinen Agrar-Kooperativen“ zugenommen, so antwortet Peking mit dem Hinweis auf einen Umstand, der auch für Gomulkas Ausweichslösung der sogenannten „Agrar-Zirkel“ gilt: „Das sind kapitalistische Wirtschaftseinheiten, die sich vor allem mit Handel (gemeinsamen Maschinenkauf) beschäftigen und das private Eigentum am Boden nicht berühren.“

Gomulka weiß also, daß er und die spezifischen Formen seines Sozialismus sehr leicht zum Gegenstand ideologischer Auseinandersetzungen werden könnten. Andererseits erinnert er sich daran, daß es die Chinesen waren, die 1956 seine Rückkehr an die Macht besonders begünstigten – freilich aus Motiven, die, wie man heute weiß; eher antisowjetisch als propolnisch waren. Es lag dem polnischen Parteichef also sehr viel daran, dem chinesisch-sowjetischen Bruch entgegenzuwirken; bis Mitte des Jahres versuchte er. immer wieder zu vermitteln, sorgsam vermied er Öl ins Feuer zu gießen, und noch jetzt, nach dem Bruch, wird die polnische Polemik gegen Peking ruhiger, sachlicher vorgetragen als anderswo. Die Chinesen scheinen das auch zu honorieren, indem sie bei ihren Attacken auf Chruschtschow und seine Verbündeten die Polen bisher verschonten.

Als Chruschtschow im Frühjahr versuchte, durch die Absage an „ideologische Koexistenz“ den Chinesen Wind aus den Segeln zu nehmen, zögerte Gomulka zunächst; erst im Juni entschloß er sich, das Plenum seines Zentralkomitees einzuberufen, um – nach über sechs Jahren zum erstenmal wieder – die doktrinäre Seite des sozialistischen Aufbaus zu behandeln. Das Fazit, das der Parteichef mit gewohnter Ehrlichkeit zog, zeigte das Bild eines Landes, in dem die Partei geistig machtlos geblieben ist. Der Ruf zur „ideologischen Offensive“, zur Abkehr von bloßer West-Imitation, ja sogar die These vom „sozialistischen Realismus“ in der Kultur, verband sich mit der Versicherung, man wolle nichts mit „administrativen Methoden“, also mit Druck, erreichen, man habe auch nichts gegen das künstlerische Experiment. Manche hartgesottenen, alten Funktionäre, deren Intelligenz in keinem Verhältnis zu ihrem Eifer steht, verstanden dennoch dieses Plenum als Ermunterung. Sie hielten den Augenblick für günstig, alte Rechnungen zu begleichen.

Partisanen und Moskowiter