Von Willi Bongard

Die Firma I. G. Mouson & Co – Das Haus mit der Postkutsche – wartet bis heute auf ein Antwortschreiben der Oberpostdirektion Frankfurt. Die Antwort hätte einem freundlichen Brief zu gelten, in dem die Geschäftsleitung sich augenzwinkernd erlaubte, an die Fixigkeit zu erinnern, mit der Anno 1880 eine Postkarte von Frankfurt nach Mainz befördert wurde. Man wird es dem zuständigen Sachbearbeiter der Oberpostdirektion freilich kaum verübeln können, wenn er sich um die Antwort bisher gedrückt hat; denn mit der Post ging es damals überraschend und für heutige Verhältnisse geradezu beschämend schnell: Die Postkarte gelangte von einem Tag zum anderen ans Ziel.

Das Original dieser Karte dient der Firma Mouson als Beweis dafür, daß das Markenzeichen der Postkutsche auch heute noch nicht als veraltet zu gelten hat. Die Frage ist, ob aus dieser Argumentation nicht doch leise Zweifel an einer Markenpolitik herausklingen, die sich im Zeitalter des Düsenverkehrs und der Raumfahrt unverdrossen eines Symbols bedient, das nun einmal für die „gute, alte Zeit“ steht...

Es bleibt der Phantasie der Verfasser von Firmengeschichten überlassen, ob der Gründer des Hauses, August Friedrich Mouson, seinerzeit den Weg nach Frankfurt mit einer Postkutsche zurückgelegt hat. Ein Beweis hierfür dürfte sich nur schwer erbringen lassen. Es ist auch unerheblich im Vergleich zu der Tatsache, daß dieser hugenottische Nachfahre im Jahre 1798 mit der Übernahme der Seifensiederei und Lichterproduktion seiner Prinzipalin, einer Madame Held, auf der Breitegasse in der alten Reichsstadt Frankfurt die Tradition eines Hauses begründet hat, das sich seither – ununterbrochen – in Familienbesitz befindet und heute zu den größten seiner Art zählt.

Niemand würde sich außerdem mehr wundern, die Firma Mouson durch eine Postkutsche repräsentiert zu sehen, als eben jener August Friedrich, der – so sehr er auch seiner Zeit voraus gewesen sein mag – keine geringeren Sorgen kannte als gerade markentechnische. Seine Sorge galt viel eher der Frage, wie er seine Produktion ausweiten und der ständig steigenden Nachfrage – weniger nach Seife als nach Wachslichtern – begegnen sollte. Es war mit anderen Worten die Zeit, als Seifensieder noch als „lustige Brüder“ galten.

Einhundertfünfzig Jahre später setzte das große Sterben in der Branche ein. Innerhalb weniger Jahre – nach der sogenannten Währungsreform’ – mußten in der Bundesrepublik über 200 Firmen aus dem Seifenmarkt ausscheiden. Das waren nicht weniger als 50 Prozent aller Hersteller. Daß sich die Firma Mouson in dem mörderischen Konkurrenzkampf der Nachkriegsjahre behaupten konnte, dürfte nicht zuletzt der Tatsache zuzuschreiben sein, daß einer der Nachfahren August Friedrich Mousons die Zeichen der Zeit verstanden hatte und die Erzeugnisse des Hauses mit einem unverwechselbaren Kennzeichen, eben dem der Postkutsche, versehen hatte.

In solcher Mutmaßung – ein Beweis hierfür dürfte nie zu erbringen sein – liegt möglicherweise eine ungebührliche Überschätzung markentechnischer Elemente für den Erfolg eines Produkts; sie findet jedoch mehr als eine Begründung in den Erkenntnissen, die inzwischen von der modernen Marken- und Werbepsychologie, aber auch durch leid volle praktische Erfahrung gewonnen worden sind.