Von Werner Ross

In der „Dank an Werner Bergengruen“ betitelten Festgabe, die seine Freunde dem Dichter zum siebzigsten Geburtstag (am 16. 9. 1962) zusammenstellten, schreibt Gody Suter: „Die Werke Werner Bergengruens geben auch dem Geschwätz keine Handhabe, sie rufen selbst bei Dummköpfen keine künstlerischen Einsichten hervor, und nicht einmal die Schwärmer können ästhetische Theorien aus ihnen ableiten.“ Da wir nicht gern zu den Schwärmern und Dummköpfen gehören möchten, werden wir’s gar nicht erst versuchen: Bergengruen zu klassifizieren. Als in der ZEIT das Sortierspiel „Rechts oder links“ gespielt wurde, hätte man ihn sicher nicht zu „links“ geschlagen, aber auch „rechts“ wäre er guten Gewissens nicht unterzubringen gewesen. Ein Sonderfall, zu dem man vielleicht eine einsame Parallele herstellen mag: jenen Fürsten Lampedusa, der Erzählungen schrieb und in die Schublade schloß und dessen „Gattopardo“ zu einem gewaltigen postumen Bucherfolg wurde. Der Fürst Lampedusa war ein Grandseigneur, der mancherlei erlebt und bedacht hatte und dem eine natürliche Vornehmheit eingegeben hatte, so zu schreiben wie vornehme Schriftsteller vor ihm, etwa Flaubert und Maupassant. So erzählte er denn, zwar nicht gerade draufbs, aber doch geradeaus, wie ein guter Gesellschafter, der keiner stilistischen Kunststückchen bedarf.

Auf diese Weise hat Bergengruen sein Leben lang erzählt, so sieht er sich selbst: nicht als Schriftsteller (obwohl er im alten Sinn des Wortes gebildet und belesen ist), sondern als Edelmann, dem es bei Lust und Laune einfällt, Geschichten zu erzählen. So ist auch sein jüngstes Buch zustande gekommen:

Werner Bergengruen: „Der dritte Kranz“; Verlag der Arche, Zürich / Nymphenburger Verlagshandlung, München; 720 S., 28,– DM.

Der Kranz ist das, was man altmodisch einen Novellenkranz nennt. Rund fünfzig Geschichten werden reihum erzählt: „Wie es nun bei der Mitteilung von Geschichten, dieser klassischen Form höherer geselliger Unterhaltung, zu gehen pflegt, es zog immer eine Geschichte die andere nach sich.“ Der dritte Kranz aber ist es, weil die Sammlung sich an die Bücher „Der Rittmeister“ und „Die Rittmeisterin“ anschließt; der Rittmeister hatte eine Mappe, wie Stifters Urgroßvater, darin waren stichwortweise Anekdoten, Novellen, Schwänke verzeichnet, Material zu jener Weltgeschichte aus Welt-Geschichten, die er als Lebenstraum verfolgte. Nun sitzen die Erben, Musa Petrowna und der Dichter, beisammen, enträtseln bei manchem guten Schluck zu Ehren des Rittmeister die Chiffren und dichten sie zu Erzählungen zusammen.

Es kommen der Abwechslung halber auch andere Erzähler hinzu, und so gibt es denn neben Rittmeistergeschichten auch Landgerichtsdirektors- und Matrönchengeschichten, bunte Fabeleien, und – als besinnliche Ruhepausen cazwischen – Gespräche in der Erzählerrunde. Es wird auch übers Erzählen selber philosophiert: soviel werde von der Krise des Romans, vom Untergang der Novelle, davon, daß die prägnante Fabel überholt sei, gesprochen – aber doch wohl nur von den Leuten, die keine Fabel erfinden und keine Geschichten erzählen können. Die möchten sich durch Shakespeare, Cervantes und Boccaccio oder zur Not auch durch die kleineren Propheten Dumas, Père, Sue und Karl May eines Besseren belehren lassen.

Das läßt sich hören, und Einigkeit darüber ist rasch hergestellt. Aber wenn das Erzählen schon ein ewiges Vergnügen und Bedürfnis ist, so darf doch auch die Frage nach dem „Wie“, dem Stil gestellt werden. Die Geschichte „Irene“ fängt folgendermaßen an: „Ein junges Mädchen, Tochter eines wohlhabenden Grundbesitzers, war mit einem Assessor verlobt, der beim Landratsamt der Kreisstadt beschäftigt war. Irene, so hieß das Mädchen, besaß einen kleinen Kraftwagen, Geschenk ihrer Großeltern. Es war ihre Gewohnheit, allein weite Fahrten zu machen, ohne Rücksicht auf Wetter, Tageszeit und behördliche Vorschriften. Hierbei hatte sie Freude an hohen Geschwindigkeiten und an allerlei Wagnissen, die durch Willenshärte bestanden werden konnten.“