Ein wirkliches „Tauwetter“ hat es in der Sowjetunion zwar nicht gegeben, doch der Terror des Stalinschen Kunstreglements ist beseitigt worden. Die „Parteilichkeit“ der Literatur wird zwar weiter beachtet, aber es gibt immer mehr Ausnahmen von der Regel. Das Dogmatische tritt zurück, und die Grenzen vom Offiziellen zum Privaten werden fließend. Die sowjetische Literatur wird auch für uns wieder lesbar.

Selbst die Verschärfung der sowjetischen Kulturpolitik seit der Jahreswende 1962/63 dürfte diesen Trend auf die Dauer nicht wesentlich beeinflussen. Einige Dichter und Schriftsteller werden wieder für die Schublade schreiben, aber die Entwicklung seit Stalins Tod erlaubt die Frage, ob nach einem Jahr von der Kulturkonferenz dieses März überhaupt noch die Rede sein wird.

Der Neuentdeckung des Menschen in der Sowjetliteratur gewidmet ist die Anthologie

„Die stumme Klaviatur“ – Russische Erzählungen der Gegenwart, herausgegeben von Karl-Eugen Wädekin, übersetzt von Georg Strauch-Orlow und Karl-Eugen Wädekin; Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart; 346 S., 19,80 DM

Den Wandel der Zeiten und der Gesinnung zeigt schlagend der erste Beitrag, der um einige Teile verringerte Kurzroman „Kurzschluß“ von Wladimir Tendrjakow. Der vierzigjährige Autor wurde vor allem bekannt durch seine Erzählungen in der Zeitschrift Nauka i religija („Wissenschaft und Religion“), die sich fernab von der Thematik des traditionellen Atheismus – archäologische Funde, Darwin und neuerdings Weltraumfahrt – bewegen und den komplexen Erscheinungen des religiösen Lebens in der UdSSR ernsthaft nachspüren. Die vorliegende Geschichte spielt in einem Kreis von Menschen, für den man auch in der Sowjetunion das Wort „Bourgeoisie“ nicht unpassend findet: Es ist das leitende Personal zweier technischer Betriebe in einer mittelgroßen Stadt, das mit Champagner und französischem Kognak Silvester feiert. Während sich die Gäste beim Chef der städtischen Energieversorgung versammeln, gibt es irgendwo in den Überlandleitungen Kurzschluß; eine Katastrophe bei der Stromversorgung von Fabriken, Krankenhäusern und Verkehrsanlagen scheint unvermeidlich. Um diesen Zusammenbruch zu verhindern, gibt der Chef der Elektrizitätswerke den Befehl, fünfzehn Minuten lang den Strom in der ganzen Stadt abzudrehen. Der Tod eines Arbeiters im Chemie-Kombinat, der während des Stromausfalls verunglückte, erscheint zwar bedauerlich, aber verglichen mit dem, was hätte passieren können, nicht weiter wichtig – doch Tendrjakow macht gerade ihn zum Angelpunkt seiner Geschichte.

Zum Bild der Sowjetgesellschaft tritt hier noch der Generationskonflikt: auf. der einen Seite die kaltherzige Zufriedenheit des Emporkömmlings, der es dank der Sowjetmacht zu etwas gebracht hat, auf der anderen die nüchterne Skepsis des Jüngeren, für den manche „Errungenschaften“ Selbstverständlichkeiten sind, der es unverfroren findet, wie sich die ältere Generation oft von einer Vergangenheit absetzt, für deren Grauen sie zumindest mitverantwortlich war, dessen Zynismus durch die Demontage des einst vergötterten Stalin geweckt wurde, der den großen Worten mißtraut und dessen Gewissen ihn schließlich nicht zum Dienst an der Menschheit treibt, sondern zum Dienst am Nächsten.

Karl-Eugen Wädekin, Redakteur der um dieSowjetforschung hochverdienten Zeitschrift Osteuropa, hat auch die Arbeit eines Emigranten, L. Rshewskij, in seine Sammlung aufgenommen. Von ihr glaubt er, daß sie einen Eindruck davon vermittelt, in welchen Bahnen vermutlich die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit verliefe, könnte sie auch in der UdSSR ohne Einschränkung vonstatten gehen. Eine Behauptung, hinter die ich ein Fragezeichen setzen möchte. Der Einfluß moderner westlicher Literatur, westlicher Denkformen auf Rshewskijs „Sentimentale Geschichte“ ist so stark, daß ich auf diese Erzählung eines in Schweden lebenden Russen in diesem Zusammenhang gern verzichtet hätte, so hübsch sie mit ihren Variationen eines Happy-Ends, das nicht stattfand, auch zu lesen ist.