K. H., Gießen, im Oktober

Am Abend des vergangenen Freitags rollte eine schwarze Limousine mit DDR-Kennzeichen über die Zonengrenze bei Herleshausen, Die Grenzbeamten ließen, den Instruktionen des hessischen Innenministers folgend, drei Funktionäre des DDR-Regimes ungehindert passieren: Den stellvertretenden Generalsekretär der „Liberal Demokratischen Partei Deutschlands“ und Volkskammerabgeordneten Kurt Wünsche, den LDPD-Volkskammerabgeordneten Gerhard Lindner und den Direktor der LDPD-Parteischule Dieter Linde. Die drei Politiker kamen mit einer Einladung des Marburger LSD-Vorsitzenden Klaus Horn, der bereits vor zwei Jahren ihren Parteifreund, den Volkskammerpräsidenten Dieckmann, zu einer öffentlichen Diskussion nach Marburg geholt hatte.

Vor zwei Jahren gab es Krawall, Demonstrationen und Proteste. Diesmal tat Horn alles, um einen Skandal zu vermeiden. Der Besuch der Volkskammerabgeordneten wurde streng geheim gehalten. Horn mied das für solche Unternehmen unfreundliche politische Klima Marburgs und lotste die drei Funktionäre an einen Ort im benachbarten Gießen, der außer den Gastgebern nur einigen geladenen Gästen und der Kripo bekannt war.

Im „Hotel am Ludwigsplatz“ wartete die Gruppe auf führende Politiker der FDP, unter anderem auf den Parteivorsitzenden Erich Mende und den Bundestagsvizepräsidenten Thomas Dehler. Doch keiner der geladenen Bundestagsabgeordneten kam nach Gießen. Einige, so der Hamburger Abgeordnete Willy Max Rademacher, bekundeten offen ihre Sympathie für das Unternehmen der Studenten. Erich Mende dagegen schrieb, daß er die Kontakte mit der LDPD, um die sich vor einigen Jahren führende Männer der FDP noch bemüht hatten, nunmehr mißbillige.

So war es denn der jungen FDP-Generation vorbehalten, das Gespräch mit den Funktionären aus Mitteldeutschland zu führen. Zu ehrlicher Diskussion allerdings waren nur die westdeutschen Liberalen bereit. Die Volkskammerabgeordneten beschränkten sich darauf, Ulbrichts Thesen zur „Normalisierung der Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten“ zu verteidigen und unermüdlich zu versuchen, ihre Gesprächspartner zu einem Votum für die Anerkennung der DDR zu verleiten.

Einig wurden sich die Gesprächspartner nur darin, daß beide deutsche Regierungen gemeinsame Kommissionen einsetzen sollten, die sich zum Beispiel mit Fragen des kulturellen Austausches, des Reiseverkehrs und des Interzonenhandels beschäftigen könnten. Doch schon darüber, ob in diesen Kommissionen Vertreter des „Territoriums Westberlin“ mitwirken sollen, ob die Bildung der Kommission eine Anerkennung der DDR bedeute und ob das Ziel solcher Verhandlungen die Bildung einer „Konföderation“ sein müßte, gab es in Gießen zwischen Ost und West keine Einmütigkeit mehr.

Die Gespräche mit den Vertretern der LDPD haben den jungen Liberalen auch die Illusion genommen, daß es noch weltanschauliche Gemeinsamkeit der „Liberalen“ in den beiden Teilen Deutschlands gibt. In Gießen gaben die LDPD-Vertreter unumwunden zu, daß ihre Partei nur eine gesellschaftliche Funktion in der Übergangsphase zum Sozialismus habe. Die Zumutung, eigene Vorstellungen zur Deutschlandpolitik zu entwickeln und innerhalb des Ulbricht-Regimes für liberale Ideale zu wirken, wiesen die „Liberalen“ aus Mitteldeutschland entschieden zurück.

So schmal die Basis für gesamtdeutsche Gespräche dieser Art ist, Hessens junge Liberale glauben, daß die Kontakte nicht abreißen dürfen und „daß solche Gespräche der Lösung der deutschen Frage dienen können und fortgesetzt werden sollen“.