Th. K., New York, Anfang Oktober

In Santo Domingo, der Hauptstadt der Dominikanischen Republik, wurde am Donnerstag vergangener Woche eine Zivil-Junta vereidigt. General Antonio Imbert Barrera stülpte sie sich wie einen Glacehandschuh über die starke Hand, mit der er die jüngste und hoffnungsvollste Demokratie Lateinamerikas zerschlagen hat. Washington berief sofort John Martin zurück, den US-Botschafter in Santo Domingo, und mit ihm Oberst Wolfe den Kommandeur einer amerikanischen Beratergruppe.

Vor der Küste der karibischen Insel Hispaniola kreuzen wieder einmal amerikanische Kriegsschiffe. Die dominikanische Fregatte „Mella“ brachte gleichzeitg den gestürzten Präsidenten Juan Bosch zu einem anderen westindischen Eiland,

Bitter wird in der amerikanischen Hauptstadt vermerkt, daß die neueste lateinamerikanische Konterrevolution mit Hilfe von Polizeieinheiten ausgeführt wurde, die Oberst Wolfe und seine Leute für den Straßenkampf ausgebildet hatten. Das State Department suspendierte die diplomatischen Beziehungen mit der Dominikanischen Republik. Betroffen und einigermaßen ratlos stehen die Amerikaner vor dieser Quittung für besonders intensive Anstrengungen, die sie sich seit dem Sturz des Diktators Trujillo 86 Millionen Dollar an öffentlichen Mitteln kosten ließen.

Der Gouverneur der Nachbarinsel Puerto Rico, Luis Munoz-Marin, forderte eine militärische Intervention der Vereinigten Staaten, aber in dieser Hinsicht sind die USA vorsichtig geworden. Gonzalo Facio, der Vorsitzende des Rates der Organisation der amerikanischen Staaten, regte an, daß die demokratischen Regierungen im karibischen Raum unverzüglich ein Sonderbündnis abschließen sollten zur gegenseitigen Hilfeleistung bei militärischen Putschversuchen. Venezuela und Costa Rica bemühen sich, die Zustimmung Dean Rusks für eine Außenministerkonferenz der amerikanischen Hemisphäre zu finden. All dies sind Versuche der letzten demokratisch gewählten Regierungen Zentralamerikas, sich gegen die Staatsstreiche von links und rechts zu wehren. Der gewaltsame Sturz des dominikanischen Präsidenten Juan Bosch ist das jüngste Beispiel dafür, wie die Ansätze zu konstitutionellen Demokratien der gemäßigten Mitte zwischen Kommunismus und Militärdiktatur zermahlen werden.

Die dominikanische Junta gibt sich freilich proamerikanisch; sie ist bemüht, die unblutige Palastrevolution in zivile – und Washington gefällige – Bahnen zu lenken. Ihre Führer behaupten, die Republik vor Castro gerettet zu haben. Sie distanzieren sich zugleich von der Militärdiktatur des Tyrannen Trujillo, der 1961 durch ein Attentat „beseitigt“ wurde. In der Tat waren einige der Offiziere des Putsches gegen Juan Bosch schon an dem erbitterten Kampf gegen die Trujillo-Familie beteiligt.

Auch Freunde des gestürzten Präsidenten Bosch räumen ein, daß der mit starker Mehrheit im Februar dieses Jahres inaugurierte Politiker Fehler gemacht hat und seiner schwierigen Aufgabe kaum gewachsen war. Vierundzwanzig Jahre hatte er Trujillo aus dem Exil bekämpft, ein schöngeistiger Sozialreformer, der Romane schrieb und als einer der „linken Demokraten“ Lateinamerikas galt. Seine Regierung stützte sich auf verdiente Trujillo-Gegner, darunter auch auf die kommunistenfreundliche „Bewegung vom 14. Juni“, die von Trujillo besonders grausam verfolgt worden war. Als Bosch mit Hilfe des amerikanischen Geldes Reformen ins Werk setzen wollte, stieß er auf den Widerstand der reichen Familien und der Geschäftswelt; das Militär war ihm ohnehin nicht wohlgesonnen. So kam es, daß der demokratische Frühling von Santo Domingo nur von kurzer Dauer war.