Erst seit ein paar Jahren spielt die spanische Literatur – der Roman und die Novelle – im Bewußtsein des deutschen Lesers eine Rolle. Zuvor waren es eigentlich einzig Unamuno und Ortega y Gasset, die in Deutschland einen Begriff hispanischen Denkens, hispanischen Philosophierens vermittelten. Drei große deutschsprachige Verlage – der Insel Verlag, Suhrkanp und der Manesse Verlag in Zürich – haben sich um die Verbreitung spanischer Literatur verdient gemacht, und zwar haben sie Rückgriffe bis tief hinein ins 19. Jahrhundert vorgenommen, so daß es einigermaßen möglich ist, den Komplex „Spanien“ in den größeren Komplex „europäische Literatur“ einzufügen und dann von dem einen oder anderen spanischen Autor zu sagen, er habe sein Land in die Bereiche der Weltliteratur geführt.

Wer nach exemplarischen Beispielen sparischer Literatur sucht, gerät unwillkürlich auch nach Lateinamerika, und auch hier war es insbesondere der Manesse Verlag, der es unternahm, eine Reihe immerhin einigermaßen bedeutsamer Romanciers in Übersetzung dem deutschen Publikum zu präsentieren. Das Gefühl trügt indes nicht, daß Lateinamerika, so viele Begabungen dieser große Kontinent auf manchen Gebieten hervorgebracht hat, mit wenigen Ausnahmen, zu denen der eigenwillige und eigentümliche Schriftsteller Borges gehört, daß dieser große Kontinent in seiner erzählenden Literatur doch weitgehend vom spanischen Mutterland abhängig geblieben ist. Darüber dürfen die Folklore, das Kostüm, letztlich auch die Landschaft nicht hinwegtäuschen.

Es ist nur begreiflich, daß Verlage, denen eine Taschenbuchreihe angegliedert ist, mit Hilfe dieser Reihe den Versuch machen, auf Autoren und Literaturen hinzuweisen, für die sich diese Verlage eingesetzt haben. So wartet denn die Fischer Bücherei mit einer Anthologie

„Spanien erzählt“, 26 Erzählungen, ausgewählt und eingeleitet von Hilde Domin; Verlag S. Fischer, Frankfurt; 200 S., 2,40 DM

auf und gibt tatsächlich einen Extrakt, der nicht nur die zeitgenössische Literatur berücksichtigt, sondern tief ins 19. Jahrhundert zurückgreift. Ist doch ein so begnadeter Prosaist wie Benito Pérez Galdós 1843 geboren und 1920 gestorben. Unamuno und Ramón de Valle Inclán kommen beide aus den sechziger Jahren Machado und Azorin erlebten ihre spanischen Erfolge um die Jahrhundertwende. Sie alle, wie auch der großartige Ramón Pérez de Ayala, sind in der vorliegenden Prosaanthologie meist mit typischen Ausschnitten aus größeren Erzählwerken vertreten. Nicht anders die jüngere Generation, wie etwa Juan García Hortelano und die beiden Goytisolo, Juan und Luis, besonders aber der ausgezeichnete Ramón José Sender, der mit einer kurzen, aber höchst einprägsamen, für ihn charakteristischen Erzählung „Das Geständnis“ vertreten ist. So kann dieser Band der Fischer Bücherei jedem, der sich einen Überblick verschaffen will, guten Gewissens empfohlen werden.

Wenn hingegen ein Buch wie

„Moderne spanische Erzähler“, Auswahl und Einführung von Gonzalo Sobejano; Verlag J. B. Bachem, Köln; 249., S., 14,80 DM