Der Opernschöpfer Richard Strauss hat es nach dem Verlust seines langjährigen Mitarbeiters Hugo von Hofmannsthal nicht leicht gehabt, Textautoren zu finden, die seinen durch jene Verbindung verwöhnten Ansprüchen zu genügen vermochten. Nachdem dann auch noch ein dauerhaftes Zusammenwirken mit Stefan Zweig, dem Librettisten der „Schweigsamen Frau“, durch die politischen Zustände unmöglich geworden war, sah sich der Komponist genötigt, seine Partner in einer mittleren Etage der literarischen Qualifikation zu suchen. Von so einer nicht ganz unproblematischen Liaison zeugt auch der Briefwechsel –

Richard Strauss – Clemens Krauss: „Briefwechsel“, augewählt und herausgegeben von Götz Klaus Kende und Willi Schuh; Verlag C. H. Beck, München; 316 S. mit 7 Abbildungen, 18,50 DM.

Der berühmte Dirigent war, wie dem Strauss-Publikum bekannt, der Librettist der letzten Strauss-Oper „Capriccio“.

Den ersten Anstoß gibt Strauss in einem Briefe vom 14. September 1939, in dem er zunächst ein paar Seitenhiebe auf andere Opernkomponisten austeilt, Puccini mit einer „delikaten Weißwurst“ und sein eigenes Schaffen mit der „ein bißchen länger vorhaltenden“ Salami vergleicht. Sodann eröffnet er seinem getreuen Interpreten (den er „mein lieber Taktstock“ tituliert), was er jetzt schreiben möchte, nämlich: keine Lyrik, keine Poesie, keine Gefühlsduselei, sondern „Verstandstheater, Kopfgrütze, trockenen Witz!“ – eine schier nachtwandlerisch sichere Charakteristik dessen, was das „Capriccio“ – im großen und ganzen – dann tatsächlich geworden ist: ein im Technischen immer noch imponierender Nachklang früherer Frische, Empfindungslust, Humorigkeit, ja sogar eigener, vordem bereits erfolgbewährter Thematik. Und wie schon Gregor sich der Diktion anbequemte, die als eine Art verbindlichen Stils aus der Arbeitsgemeinschaft Strauss-Hofmannsthal hervorgegangen war, so sehen wir hier auch Clemens Krauss mit erstaunlicher Anpassungsgabe in dieses gleichsam vorgeformte Gewand schlüpfen, bewußt oder unbewußt bestrebt, die längst harmonisierte ästhetische Linie der Strauss-Tradition einzuhalten und abzuschließen.

Es darf nicht verwundern, daß der Szenen entwerfende und Verse schmiedende Musikant dabei nicht zu dichterischen Höhen aufsteigen konnte, daß auch ihm, wie vor ihm schon Gregor, gegenüber dem Idealfall Hofmannsthal nur die bescheidenere Rolle eines textierenden Nothelfers zufallen mußte. Mehr als einmal ist es jetzt der Komponist, dessen Anregungen und Gegenvorschläge, aus wohlerworbener Erfahrung geschöpft und schöpferischem Temperament entspringend, die Berechnungen des Librettisten durchkreuzen und das Konzept um wirklich dichterische, mindestens dramatische Einfälle bereichern, die freilich jener bisweilen wieder nach der Seite dramaturgischer Logik hin korrigiert. Das doktrinäre Streitthema des Werkes – „Wort oder Ton?“ – erfährt so in dem Briefwechsel eine Durchführung, die manchem Leser lebensnaher, direkter, unreflektierter und unkonstruierter erscheinen mag als die Behandlung, die ihm in dem auskomponierten Alterswerk schließlich zuteil wurde. Doch das ist wirklich Geschmackssache. Walter Abendroth