Von Ernst Stein

Es ist bezeichnend, daß Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“ das einzige Buch war, das Thomas Mann, sonst der entgegenkommendste Beurteiler, in der Luft zerrissen hat, wiewohl er doch jederzeit der Konnivenz seines Herzens – zuweilen gegen seinen sichtlich widerstrebenden kritischen Sinn – ein wohlwollendes Wort abzugewinnen wußte. Aus seinem Aufsatz „Über die Lehre Spenglers“ (1924) spricht ein bebender Ingrimm, der noch Jahrzehnte später, kaum gedämpft, in der Schilderung des Münchener Diskussionskreises im „Doktor Faustus“ nachklingt.

So vertraut besonders Thomas Mann der Leitgedanke des Verfalls und Untergangs war, so genau gerade er das Symphonische eines Werkes heraushörte, in dem – in der Nachfolge Nietzsches – Kulturphilosophie vormusiziert wurde, so tief gereizt empörte sich seine Humanität gegen dieses Pathos des Fatalismus und den rhapsodischen Schwung einer Unheilsprophetie, in der sich nicht das leiseste menschliche Gefühl für das Verhängnis der Kultur regte. Hier sprach nicht wissenschaftliche Sachlichkeit, sondern eine unter einem eigenen Unstern gebotene Lieblosigkeit gegenüber dem Schicksal der Menschheit, ein wahres Behagen an der unbewiesenen Unentrinnbarkeit der Katastrophe.

Das spätere Unheil scheint Spengler Recht gegeben zu haben – es scheint nur so –, und seine eigene Zeit, die aufgewühlten, kopflosen, von allen Seiten getrübten zwanziger Jahre, gab ihm Recht, oft mit einer blakenden Begeisterung, entflammt an dem Gedanken einer Untergangsgeweihtheit, die einen Freipaß für alle Enthemmung und zugleich einen Anstrich von tragischer Würde verhieß. Es war, im Historischen wie im Psychologischen, eine Verblendung von europäischem Format, und nur zu begreiflicherweise war es zuerst dieser deutsche Name, dem sich nach dem Kriege von damals das Gehör eines sich taub stellenden Europa erschloß.

Das kam nicht zuletzt oder vor allem daher, daß das Überzeugende – wie bei seinem Vorbild Nietzsche – nicht in der Doktrin selber lag, nicht in den gewaltsamen Wesensbestimmungen der Kulturen, auch nicht in dem keineswegs neuen, aber völlig neu klingenden Mythos von Geburt und Tod des Geistigen, sondern in dem Orchesterbrausen, das ein verhinderter Dichter und einsamer Mensch entfesselte, um die tiefe Fragwürdigkeit und Subjektivität seiner Lehre zu übertönen.

Der künstlerischen Faszination dieses Stils wird man sich auch heute kaum entziehen kennen, und man soll sich nicht entziehen. Denn alles, was nach Spengler und vor ihm, namentlich aber heute, über Weltgeschichte und Kultur verzapft wird, tritt mit einem Unfehlbarkeitsanspruch auf, über dem die Seminare brüten und über den die Hühner lachen. Da das erlösende Wort nicht zu erwarten ist, niemals zu erwarten war, möge es wenigstens tönen, das Wort. Wein wir schon der Sprachmagie der Falschen erliegen, dann wenigstens nicht immer Heidegger.

Es ist gut, wenn auch nicht ganz unbedenklich, daß dieses Werk jetzt in einer äußerst gefälligen, äußerst handlichen und überdies preiswerten Neuausgabe vorliegt –