STUTTGART (Schauspielhaus): „Atlantis“ von Dieter Waldmann

Der 37jährige deutsche Autor Dieter Waldmann ist vom Meister an den Schüler, von Gründgens an Karl Vibach geraten. „Nach der Stuttgarter Uraufführung steht Dieter Waldmann plötzlich in anderem Licht da: als nicht gerade ehrgeiziger, aber sehr brauchbarer Theatraliker. Aus der Bergamo-Premiere in Hamburg war er als intelligenter Zeitkritiker hervorgegangen, dem Gründgens mit Kabarettistik auf die Sprünge geholfen hatte“, schreibt Hans Daiber in der Deutschen Zeitung. In der Süddeutschen Zeitung gesteht Joachim Kaiser zu: „Das Stück (Atlantis) hat eine ganze Menge Fehler nicht, mit denen junge Theaterautoren oft die Bühne quälen ... ‚Atlantis‘ hat sogar eine Handlung – und keine schlechte.“ Aber beide Rezensenten kommen zu demselben Ergebnis: „Aus ‚Atlantis‘ könnte ein vorzügliches Musical werden“ (Kaiser). „Es war, als wollten sie jeden Augenblick anfangen zu singen ... Jeden Moment schien ein Orchester einfallen zu wollen ... Vibachs derbe Hand hat gezeigt, daß aus dem Stoff ein hübsches Musical werden könnte“ (Daiber). Gemeint war vom Autor des „Blauen Elefanten“ allerdings auch diesmal „poetisches Theater“, das zwischen Büchners „Leonce und Lena“, Giraudoux’ „Irrer von Chaillot“ und Schehadé angesiedelt ist. Romantische Prinzessin wartet auf Prinzen aus dem Land der Antipoden (Atlantis). Prinz tritt auf. Er ist aber nur Gentleman-Ganove, sein Hofstaat besteht nur aus Ganoven und Dirnen. Ende mit Schrecken. Auch für Prinzessin. „Das Spiel um den Atlanter zeigt lediglich, daß man Träume nicht in die Realität zwingen kann. Diese Botschaft lohnt den Aufwand nicht“ (Daiber). Kaiser: „Waldmann hat auch keinen eigenen Ton, keine spezifische Ironie... Lustiges Theater wird um den Preis einer unübersehbaren Primitivität... erkauft. Kaum je übersetzen sich die Möglichkeiten des Stoffes in Sprache.“ In den Hauptrollen: Julia Costa und Heinz Baumann.

WUPPERTAL (Schauspielhaus):

„Nächstes Jahr in Jerusalem“ von Arnold Wesker

Schlimmer durcheinanderbringen ließ sich die viel berufene „Wesker-Trilogie“ kaum. Da gibt es in London, Eastend, einen heute 31jährigen Schriftsteller, der als Sohn jüdischer Einwanderer aus Ungarn nach England kam. Seiner Begabung zum Stückeschreiben verdankt Wesker einen Ruf, der ihn als Wortführer eines (enttäuschten) englischen Sozialismus gleich nach John Osborne („Blick zurück im Zorn“) nennt. Hat Wesker auch den Deutschen etwas zu sagen? Wenn ja, dann hätte wohl eine unserer vielen Informationsbühnen die ganze Trilogie zur Diskussion stellen können. Statt dessen wurde zuerst Stück II (,,Roots“) unter dem falschen Titel „Tag für Tag“ in Bremen (vor kurzem auch in Berlin), danach Stück I „Hühnersuppe mit Graupen“ in Heidelberg vorgeführt. Jetzt folgte Stück III („I’m talking about Jerusalem“) in Wuppertal unter dem Pseudo-Filmtitel „Nächstes Jahr in Jerusalem“. „Ich spreche von Jerusalem“, so hätte Ernst Deutsch Weckers Stück genannt, das er 1962 am Berliner Schillertheater inszenieren sollte. Ihm wurde freilich bedeutet, er, Deutsch, sei ein Regie-Debütant, das Stück aber Teil einer Trilogie. So geriet das, was, Deutsch verwehrt wurde, an einen anderen Regie-Debütanten, an den jungen Chargenspieler Friedel Bauschulte in Wuppertal, der als Darsteller nächstens zu Barlog geht. „Derlei Realismus läßt sich ja leicht ‚vom Blatt‘ spielen“, bemerkte, quasi entschuldigend, Die Welt. Albert Schulze-Vellinghausen rät trotzdem in der FAZ: „Man möchte dieses Stück nun einmal oberhalb dieses (Wuppertaler) Niveaus von besten Kräften vorgeführt sehen. Da könnte eine Substanz erstrahlen, die man so nicht erkennen, sondern nur zu ahnen vermochte.“ Um ein Urteil über Wesker bilden zu können, müssen in der Tat schlüssige, in sich zusammenhängende deutsche Aufführungen her.

Jac