Doch auch in der Behandlung jener Themen, die sich einer rein fachwissenschaftlichen Behandlung noch am ehesten erschließen, zeigt sich seltsamerweise das gleiche Ungeschick der Argumentation, die ihr pädagogisches Ziel verfehlt. So rekapituliert der anthropologische Beitrag (von Karl Salier) die Geschichte der theoretischen Diskussion um die Rassenfrage in so unübersichtlicher Ausführlichkeit, daß man fast fürchten muß, die oft kommentarlos wiedergegebenen, prägnanten antisemitischen Zitate, die an populäre Vorurteile appellieren, könnten sich dem Gedächtnis der Leser am deutlichsten einprägem Völlig verfehlt scheint es mir, wenn der Verfasser seitenlang über vergleichende Untersuchungen der Rassenmerkmale askenasischer und sephardischer Juden und über „jüdische Krankheiten“ referiert, aber den hier grundlegenden Hinweis vergißt, daß es eine sogenannte „Rassenseele“ nicht gibt und jede Behauptung einer rassisch begründeten Höher- oder Minderwertigkeit wissenschaftlich unhaltbar ist.

Eine sehr sorgfältig gearbeitete Studie (von Johann Maier), die traditionelle Mißdeutungen der mosaischen Religion zu korrigieren sucht, bringt sich gerade aus den entgegengesetzten Gründen um einen Teil ihrer Überzeugungskraft. Wohl erklärt sie gewisse Verhaltenseigentümlichkeit des frommen Juden aus den rituellen Vorschriften. Sie verweist auch auf den Diskussionscharakter der rabbinischen Literatur, aus der die antisemitische Agitation stets ihr passend erscheizwei. Ausnahmen. Musterbeispiele für den in Deutschland sehr verbreiteten Irrtum, daß wissenschaftliche Ernsthaftigkeit leichte Lesbarkeit ausschließen muß und die Bedeutung einer Arbeit mit der Menge des ausgebreiteten Materials wie der Zahl der Fußnoten wächst.

Einige der Autoren verfallen in den Ton von Fachvorlesungen und setzen oft Kenntnisse voraus, die der Leser nicht haben kann, so daß viele Hinweise in ihrem. Bezug unklar bleiben. Der Käufer eines Taschenbuches ist beispielsweise nicht verpflichtet, zu wissen, was „die Mischna (bes. Pirke Aboth) und einige alte Midraschim“ sind oder worin die „Katastrophe von 586 v. Chr.“ bestand.

Andere wiederum befrachten ihren Text mit einer verwirrenden Fülle von Detailinformationen, die für das eigentliche Problem kaum etwas hergeben. So erfahren wir, Welche typologische Bedeutung die patristische Exegese Gregors des Großen dem Wettlauf von Petrus und Johannes zum Grabe ihres Herrn zumißt; lernen den Unterschied zwischen der Außenhandelstheorie und der Theorie nichtkonkurrierender Gruppen sowie sämtliche Zinssätze seit Sulla kennen; und werden belehrt, daß die Gauchersche und die Niemann-Picksche Krankheit, intermittierendes Hinken und Spontangangrän, die auf Stoffwechselstörungen zurückgehen, bei Juden besonders häufig vorkommen.

Ein Teil der Verfasser schreibt einen zähflüssigen, nur schwer lesbaren Stil. Der Herausgeber, zu dessen redaktioneller Arbeit es gehört hätte, auch solche formalen Mangel auszugleichen, bildet da keine Ausnahme. Wahre Bandwurmsätze von dreizehn und mehr Zeilen machen die Lektüre gerade seiner Arbeit streckenweise zu einem optischen Hürdenspringen: „Wenn denn wirklich der auferstandene Jesus ,der Sohn Gottes‘ (Apg. 9,20) und ,der Messias‘ war (Apg. 9,32), dann wir nun allerdings – auch nach traditionell jüdischer Auffassung, wie Leo Baeck und H. Schoeps aus der Tradition nachgewiesen haben hoch 4 – das mosaische Gesetz (in gewisser Hinsicht) ‚außer Kraft gesetzt‘ (Eph. 2,15; vgl. Apg. 13,38 f., aber auch Rom. 3,31), dann konnten bisherige Heiden ‚Mitbürger der Heiligen‘ (Eph. 2,19), des erneuerten ‚Israel Gottes’ (Gal. 6,16) in Jerusalem, werden, ohne das ‚Joch‘ (Apg. 15,10) auf sich nehmen zu müssen, das die Synagoge dem Voll-Proselyten auferlegte, der die Beschneidung hinzunehmen hatte und dennoch in den Augen vieler minderwertig blieb. hoch 5“

Und in diesem Stil geht es über Seiten hinweg. Wirklich nichts außer bitterer Rezensentenpflicht hätte mich bewegen können, dieses Buch zu Ende zu lesen. Dem kürzlich verstorbenen Herausgeber gebührt das große Verdienst, auf katholischer Seite die Revision der christlichen Lehrverkündigung hinsichtlich der Juden entscheidend mitvorbereitet zu haben. An dem zwiespältigen Resultat dieses Buches ändert das nichts.

Es muß den Vertretern der Sozialwissenschaften überlassen bleiben, sich mit den hier dargelegten Thesen im einzelnen auseinanderzusetzen. Wer sich im Thema auskennt, mag aus dem einen oder anderen Hinweis eine nützliche Anregung ziehen. Beim Durchschnittsleser jedoch, der hier Aufschluß über den ihn irritierenden Fragenkomplex des Antisemitismus sucht, wird dieses Buch wahrscheinlich mehr Verwirrung als Nutzen stiften.