Bonn nebelt sich ein. Für den Staatsbürger, der Erklärungen, Gegenerklärungen, Gerüchte, Vermutungen und Beschuldigungen zur Kenntnis nimmt, die aus der Bundeshauptstadt in die deutschen Lande dringen, muß sich mittlerweile alles, was mit der jüngsten Affäre – Kennwort: Telephon-Abhören – zusammenhängt, in den Wolken des Unerklärlichen verlieren.

Geschickte Taktiker der CDU haben es zudem verstanden, aus der Telephon-Affäre neuerdings eine Panorama-Affäre zu machen. Was wir von den „Kumpanei“-Albernheiten des parlamentarischen Geschäftsführers der CDU-Fraktion, Will Rasner, halten, das erklären wir unseren Lesern auf Seite 36. Zum sogenannten Panorama-Fall soviel: In einem Staat, in dem der Verfassungsminister verfassungswidrige Handlungen der Regierung durch den Ausspruch bagatellisiert, sie seien „etwas außerhalb der Legalität“ – in einem solchen Staat mag es nicht verwundern, daß Journalisten nicht anstehen, auch das Undenkbare zu denken: nämlich, daß sogar im höchsten Repräsentantengremium des Volkes, im Bundestag, Telephongespräche „abgehört“ werden. Dies zu denken ist freilich eines; es auch zu publizieren, ein anderes. Und die Behauptung in die Welt zu setzen, es sei so, ohne sich mit einer der Schwere des Vorwurfs entsprechenden Sorgfalt seiner Stichhaltigkeit zu vergewissern, ist mindestens „etwas außerhalb der Objektivität“. Inzwischen wissen wir, daß die Redakteure des „Panorama“ versäumt haben, was journalistische Fairneß ihnen hätte gebieten sollen: den Bundestagsdirektor oder den Präsidenten des Bundestages, beides integre Männer, um eine klärende Stellungnahme zu bitten. Dieses Versäumnis hat weitreichende Folgen. Eine Redaktion, die in ihrer Sorgfaltspflicht gefehlt hat, soll abgelöst werden. Doch dies ist Sache des NDR; er mag die Dinge klarstellen und die angemessenen und gerechten Folgerungen ziehen.

Wenn es freilich nunmehr in Bonn heißt, die Ehre und das Ansehen des Bundestages seien durch „Panorama“ sträflich verletzt worden, dann könnte diese Gemütsaufwallung sehr viel mehr imponieren, wenn sie auch schon bei anderem Anlaß zu bemerken gewesen wäre. Als bei Gelegenheit der letzten bundesdeutschen Affäre – ihr Etikett hieß: „Spiegel“ – der weiland Bundesverteidigungsminister Strauß das Parlament nach Strich und Faden belog, waren diejenigen, die heute den Stab über „Panorama“ brechen, mit ihrem Verdammungsurteil sehr viel zurückhaltender. Aber wir wollen hier nicht über politische Heuchelei sprechen, sondern über Tatsachen.

Vor vier Wochen hat die ZEIT, die sich nicht im Bunde irgendeiner Kumpanei fühlt, mehrere Behauptungen aufgestellt. Sie tat dies – wie Theodor Eschenburg in unserem letzten Leitartikel nachdrücklich dargelegt hat – nicht aus Sensationsgier, sondern um aufzuhellen, was dunkel ist in unserem Staat und in der Handhabung seines Instrumentariums. Unsere Veröffentlichung hat die „Telephon-Affäre“ in Gang gesetzt. Seitdem ist, wie ein gutdemokratisches, nachbarliches Blatt, die „Neue Zürcher Zeitung“, schrieb, „das Verhältnis zwischen Regierung und Regierten im freien Teil Deutschlands in einer tieferen Schicht gestört“. Die Zeitung vermerkt die Symptome: „Ausweichende, bagatellisierende obrigkeitliche Erklärungen statt rascher Aufklärung und Behebung verderblicher Zweifel, Verschiebung der Diskussion auf Nebengeleise und Gegenattacken auf die Publizistik, ein Hang zu hysterischen Reaktionen und zur Diabolisierung des Regierungsbetriebes sowie das Auftauchen verborgenen Ressentiments gegen den ‚Staat von Bonn‘“.

Was uns angeht, so haben wir – wer die ZEIT sorgfältig liest, kann’s bezeugen – durchaus nicht hysterisch reagiert. Und wir hegen auch keine Ressentiments gegen den „Staat von Bonn“, der ja schließlich unser Staat ist. Was wir wollen, ist, daß die Regierung und daß vor allem der ihr noch immer angehörende Innenminister endlich die Karten auf den Tisch legt.

Wir haben vor vier Wochen behauptet, daß:

1. das Bundesamt in verfassungswidriger Weise alliierte Dienststellen benutzt, um die Telephongespräche deutscher Staatsbürger abzuhören; und daß