Von Ruth Herrmann

In Evelyn Waughs satirischem Roman „Tod in Hollywood“ ruft ein in Liebeskummer verzweifelndes Mädchen den Ratgeber einer Zeitung an, einen Mann, der als „Der Brahmane“ von Berufs wegen schriftliche und mündliche Notschreie beantwortet.

Das Mädchen erreicht ihn nach Büroschluß in einer Kneipe. „Ich bin in großer Not, ich brauche Ihren Rat...“ Der „Brahmane“ legt gelassen den Hörer auf den Schanktisch und nimmt ihn erst wieder ans Ohr, als die lange Klagerede von Schluchzen abgelöst wird. Auf die Frage, was sie nun tun solle, antwortet er dem Mädchen: „Tun? Ich will Ihnen sagen, was Sie tun können. Steigen Sie auf einen Wolkenkratzer, suchen Sie ein passendes Fenster und springen Sie heraus. Das können Sie tun.“

Am Telephon, das die Ratsuchenden beim Norddeutschen Rundfunk benutzen, sitzt das Gegenteil von einem Zyniker, der nach Büroschluß die Leute zur Hölle schickt. Auch wird hier kein anonymer „Brahmane“ befragt, sondem ein ganz bestimmter Mann, auf dessen Weisheit und Lebenserfahrung es seine Hörer abgesehen haben: Walther von Hollander. Wer ihn anruft, hört Trost, Belehrung, Erbauung und eine leichte, von freundlichem Lächeln kaschierte Zurechtweisung. Die Frager aber sind hier wie in Amerika dieselben erwachsenen Kinder, die glauben, wo die öffentliche Meinung gemacht wird, könne auch die ihnen selbst fehlende Meinung und Entscheidung am besten produziert werden.

Was veranlaßt sie anzurufen, abgesehen von der Hoffnung auf Rat und Hilfe? Dreierlei: Für den Rausch, die eigene Stimme im Radio zu hören und hören zu lassen, wird manche private Kalamität vorgetragen. Bei Streitfragen in der Familie hofft man, der Schiedsrichterspruch des Prominenten werde dem Partner zeigen, wie unrecht er hat. Wer eine Erfahrung gemacht hat, möchte sie anderen vermitteln.

Die Sendung beginnt mit Musik, einer elegischen Melodie, die ihren eigenen Schlagernamen längst verloren hat und nur noch vertraute Erkennungsmarke der Fragestunde ist. Auf ihre sanften Wogen legt sich die Stimme der Ansagerin: „Guten Abend, meine Damen und Herren– es ist 22 Uhr 45, und wie an jedem Freitagabend um diese Zeit hören Sie auf der Ultrakurzwelle des Norddeutschen Rundfunks die Sendung WAS WOLLEN SIE WISSEN? Dr. Walther von Holländer unterhält sich mit sieben Hörerinnen und Hörern, die ihn am vergangenen Mittwoch angerufen haben. Auch an nächsten Mittwoch ist er am Telephon zu erreichen, wie immer anderthalb Stunden lang in der Zeit von 13 Uhr 45 bis 15 Uhr 15. Wenn Sie einen persönlichen Rat von ihm holen, oder eine Frage von allgemeinem Interesse zur Diskussion stellen wollen, dann wählen Sie bitte am Mittwoch die Telephonnummer 44 17 77.“

Die Ansage ist festgeprägte Form wie die vorangestellte Musik, die nun retardiert, geheimnisvoll verebbt und mit einigen hohlklingenden Tonpunkten die wartende Gemeinde zur gespannten Sammlung bringt. Damit ist eine Art Ritual eingeleitet.