Die Wahrheit ist so abenteuerlich, daß sie einem manchmal nicht geglaubt wird. Kurt Tucholsky

Ruhe im Land

Mit dem törichten Vorwurf, die Gruppe 47 sei eine Art „geheimer Reichsschrifttumskammer“, hatte der geschäftsführende Vorsitzende der staatstragenden CDU, Josef Hermann Dufhues, der Kumpanei, die keine ist, recht ungeschickt auf die Füße getreten. Den Anlaß zur christlich-sozialen Erregung hatte das ernstgemeinte, aber etwas ausgerutschte Manifest zur Spiegel-Affäre abgegeben. Die Dichter ließen sich nicht lumpen, ein Rechtsstreit kam in die Welt. Nun, nach Monaten, ist er wieder raus, der Vergleich geschlossen und gerichtsnotorisch, nachdem man sich privatim schon lange vorher wieder so einig-uneinig wie zuvor gewesen war. Ein Politiker, der mit solcher Tollkühnheit gegen keineswegs gemeingefährliche Intellektuelle vom Leder zieht, und Hüter des Geistes, die schutzheischend gleich zum Richter eilen – das sind zwei Symptome einer Sache: des bei uns betrüblich gestörten Verhältnisses zwischen Intellekt und Politik.

Shakespeare im Film

Das Deutsche Institut für Filmkunde in Wiesbaden wird im Mai 1964, im Shakespeare-Jahr, zehn Tage lang einen Shakespeare-Filmzyklus veranstalten. In rund 30 Vorstellungen soll eine Auswahl der von der Stummfilmzeit bis zur Gegenwart gedrehten 130 Shakespeare-Verfilmungen aus 14 Ländern gezeigt werden. Wiesbaden wird demnach 1964 die umfangreichste Shakespeare-Feier haben. Denn neben dem Filmzyklus bereitet die Stadt für ihre Maifestsoiele fünf bis sieben Shakespeare-Inszenierungen vor.

Brecht auf russisch

Der sowjetische Verlag „Kunst“ bringt eine fünfbändige Ausgabe der Werke Bertolt Brechts heraus. Die ersten beiden, mit Szenenphotos und Szenenentwürfen ausgestatteten Bände erscheinen in diesem Monat. Es ist die erste Brecht-Ausgabe der Sowjetunion. Daß die Ausgabe erst so spät, erst im Gefolge des schon vor längerer Zeit begonnenen Tauwetters erfolgt, sollte alle bundesdeutschen Politikaster stutzig machen.