Von Edmund Wolf

Es scheint, daß zwei Länder sich vor allen anderen durch gegenseitige Verachtung und gegenseitige Beschimpfungen zwischen Politikern auf der einen und Intellektuellen auf derandern Seite auszeichnen: Deutschland und Japan. Berichte über Japan klingen in dieser Beziehung ganz vertraut – wie etwa die folgenden Zeilen, die vor einiger Zeit in der „New York Times“ erschienen: „Weder die Intellektuellen noch die Männer an der Macht unternehmen irgendeinen echten Versuch, die Kluft zu schließen. Ihre Werte sind verschieden, ihre Ideen über die Zukunft Japans sind verschieden, und die eine Seite empfindet nichts als Verachtung für die andere. Zwischen diesen beiden Japan besteht keine wahre geistige Verbindung. Kein Gefühl einer gemeinsamen Bestimmung und eines gemeinschaftlichen Ziels verbindet den Elfenbeinturm mit dem Marktplatz oder der Führungskabine der Regierung...“

Der Gedanke drängt sich auf, daß es natürlich der verlorene Krieg war, der gerade in diesen beiden Ländern diesen Zustand herbeiführte. Katastrophaler intellektueller Konformismus der Vorkriegsjahre wird heute in gewissen Fällen durch radikalen Nonkonformismus überkompensiert. Ich bin nicht ganz sicher, daß sich darin eine tiefe Wandlung ausdrückt. Japanische Intellektuelle sind allerdings, so hört man, in ihrer großen Mehrheit Marxisten, was man von deutschen Intellektuellen gewiß nicht sagen kann – Japan hat auch nicht so wie Deutschland am eigenen Leib erlebt, was Kommunismus bedeutet. Aber die Parallele geht jedenfalls weit genug. Politiker da und dort sagen wie aus einem Munde, die weltfremden Intellektuellen (wurzellos oder entartet hieß es früher hierzulande) sollten sich nicht in Dinge mischen, von denen sie nichts verstehen; Politik sei ausschließlich Sache der Politiker, und so müsse es bleiben. Basta. Um mich selbst zu wiederholen: Ich bin auch nicht ganz sicher, ob sich darin eine tiefe Wandlung ausdrückt.

Ist es in andern Ländern anders? Ein wenig schon. Es ist auch in den USA nicht schmeichelhaft, ein „egghead“, ein intellektueller Eierkopf, genannt zu werden; zur Zeit McCarthys war es ausgesprochen gefährlich. Aber seit Kennedy sind Intellektuelle in Washington doch wieder „stark gefragt“. Und in England sitzen hinter den größten Schreibtischen in den höchsten Ministerialämtern Männer, die durch Ausbildung und Neigung als Intellektuelle gestempelt sind und sich in Oxford oder Cambridge genauso gut machen würden. Die englischen Produktionsziffern mögen schlechter sein als die deutschen, japanischen oder französischen. Aber die Engländer verstehen sich noch immer darauf, ein politisch-geistiges Milieu zu produzieren, in dem die Verbindungen zwischen Elfenbeinturm, Marktplatz und Führungskabine der Regierung so sorgfältig gepflegt werden wie die Spazierwege im Hyae-Park oder den Kensington Gardens.

Immerhin, auch die Engländer sind Menschen – wie sich zum Beispiel zeigt, wenn man in dem gelehrten und amüsanten Sprachwerk von H. W. Fowler „Modern English Usage“ das Stichwort „Intellectual“ nachschlägt. Da steht: „Ein intelligenter Mensch ist jemand, der nicht dumm oder begriffsstutzig ist; ein Intellektueller dagegen ist jemand, bei dem der Geist – zum Unterschied von Emotionen und instinktiven Reaktionen – eine größere Rolle spielt als beim durchschnittlichen Menschen. Ein Intellektueller, der nicht intelligent ist, wäre zwar nicht unmöglich, aber doch eine Seltenheit; einen intelligenten Menschen jedoch, der kein Intellektueller ist, hoffen die meisten von uns zu erblicken, wenn wir vor dem Spiegel stehen, ,Intelligent‘ ist gewöhnlich ein wohlwollendes Beiwort; ‚intellektuell‘ dagegen ist zwar respektvoll, aber selten frei von Verdacht und Abneigung.“

Aber warum eigentlich Verdacht und Abneigung? Spricht irgend etwas für die populäre Vorstellung von einer krankhaften Geisteswucherung bei den sogenannten Intellektuellen, auf Kosten „gesunder“ menschlicher Gefühle und Instinkte? Es ist der barste Unsinn. Die größten Geister der Menschheitsgeschichte, die originellsten und feinsten Intellekte, waren von Leidenschaften getrieben – manchmal von bösen, aber viel öfter von guten, vermute ich, als „der normale Mensch“.

Der Physiker Robert Oppenheimer, Chef des „Institute of Advanced Studies“ in Princeton, ein Eierkopf von beträchtlichen Dimensionen, einer der intellektuellen Teufel, die McCarthy austreiben wollte, schreibt: „Die Idee, daß es den Menschen auf Erden besser gehen müßte, war es, welche die großen Feuer der Wissenschaft entzündete.“ Nicht das seelenlose Kalkül menschlicher Geistesautomaten, sondern eine Idee, die aus Mitleid geboren war und aus der zornigen Ablehnung von Gegebenheiten, die als menschenunwürdig empfunden wurden. Politiker sagen über Intellektuelle, was Shakespeares Julius Cäsar über Cassius sagt: Solche Leute sind gefährlich, sie denken zuviel. Und es ist wahr. Wo einer wahrhaft zu denken beginnt (schwer genug und selten genug), da ist es gleich mit der Gemütlichkeit vorbei. Man kann noch heute sokratische Dialoge nicht lesen, ohne die Wut der athenischen Obrigkeiten von Herzen zu begreifen. Politiker unserer Tage können gewiß mit Recht sagen, daß nicht gerade Sokrates hinter ihnen her sei. Aber das ist ihr Glück, nicht ihr Pech. Bei Sokrates würden sie bestimmt wieder nach dem Schierlingsbecher rufen. Es ist auch nicht ihr Pech, daß sich Intellektuelle – welcher Größenordnung immer – soviel in Politik einmischen; es ist ihr Glück (wenn das ein Glück ist), daß sie sich so wenig einmischen. Die Wahrheit, die Bernard Shaw vor zwanzig Jahren für England feststellte, bleibt noch immer wahr – auch für Deutschland: „Den Intellektuellen ist es nicht verboten, am politischen Leben der Nation teilzunehmen; sie sind nur zu begierig, sich selbst davon fernzuhalten.“

Ich persönlich finde es nicht zum Lachen, daß das Wort „Intellektueller“ Verdacht und Abneigung erweckt. Diese angeblich normale Reaktion scheint mir infantil. Aber der normale Menschhat so seine Marotten. Es gibt ja auch andere Worte, die ihn mit Verdacht und Abneigung erfüllen. Ganz grundlos natürlich. Zum Beispiel auch das Wort „Politiker“.