Es gibt eine Reihe italienischer Autoren, deren starke Wirkung auf das Ausland in Italien selbst als Überschätzung registriert wird; Autoren wie Dino Buzzati, Ignazio Silone, natürlich auch Moravia – und Elio Vittorini, soweit es ich um sein literarisches Werk handelt.

Der Schriftsteller Vittorini genießt bei uns in Deutschland einen Ruhm, der nicht ganz frei von Feierlichkeit und Weihe ist, was von den Kreisen abhängt, die ihn rühmen – zumeist recht konservativen – und weitgehend auf Mißverständnissen beruht. Sein frühes und bestes Buch, „Gespräch in Sizilien“, bezieht den großten Teil seiner Schönheit aus einer heute etwas suspekten Mythisierung der Wirklichkeit und kommt damit etlichen unserer Italienfahrer durchaus entgegen, von Peterich bis Jünger. Gewiß kann man auch mit einem Handbuch der griechischen Mythologie, als zeitlosem Baedeker, durch ein Land reisen, und es macht die Reise so erhaben wie ungefährlich –, aber was erfährt man dabei schon über die Realität diese Landes? Und ist Bestätigung der eigenen Bildung ein ausreichender Ersatz?

Dabei ist Vittorini als Essayist, Kulturkritiker, Anreger alles andere als Konservativer, im Gegenteil, er war in den dreißiger Jahren und vor allem gleich nach dem letzten Krieg einer der wichtigsten Faktoren in der Erneuerung der italienischen Literatur, ihrer Befreiung aus Unverbindlichkeit und Rhetorik.

Und hier beginnt unser Mißverständnis; hier beginnt aber auch sein eigenes Problem. Das, Zwei Neuankömmlinge auf dieser Liste gilt es in Empfang zu nehmen: die „Hundejahre“ von Günter Grass, von ausnahmslos allen unserer Informanten – und oft an erster Stelle – genannt, sowie das neue Opus der Anne Golon.

Von Grass’ Verleger war zu erfahren, daß soeben, also drei Wochen nach Erscheinen des Romans, das sechsundzwanzigste bis fünfzigste Tausend ausgeliefert wurde und zunächst weitere fünfunddreißigtausend im Druck sind – die Vorbestellungen belaufen sich allein schon auf sechzigtausend. So wäre denn festzustellen, daß Günter Grass, auf den sich seit Jahren soviel Haß und Verachtung des Volkes entladen hat, soweit es sich etwa in Leserzuschriften an Zeitungen artikuliert, auf dem Wege ist, ein Volksschriftsteller zu werden – der große Erfolg derTaschenbuchausgabe von „Blechtrommel“ und „Katz und Maus“ bestätigt es. Daß so große Leserscharen für die reflektierte, virtuos artifizielleErzählweise Grass’ Verständnis aufbringen würden, war nicht zu erwarten.

Für die anspruchsloseren Gemüter gibt es Angelique Nummer 5, ein paar Tage nach der Auslieferung bereits in fünfter „Auflage“ (ein Wort, mit dem die Verleger immer leichtfertiger umgehen) – das Buch war schon partienweise vorbestellt, ehe auch nur bekannt war, daß es überhaupt geschrieben würde. Es handelt sich um den Roman einer unbezwingbaren Leidenschaft, wie man erfreut erfährt. „Anne Golon hat das scheinbar Unmögliche verwirklicht: ihre Leserschaft vor einen neuen Höhepunkt ihres Schaffens zu stellen.“ Da steht sie nun und wartet auf die sechste Folge, denn der Schlußsatz lautet, Kontinuation heischend: „Das Leben öffnete sich ihrer Liebe.“ D. E. Z. wofür er kämpfte – besonders in seiner Zeitschrift Politecnico – konnte er selber doch kaum oder kaum gültig in einem schriftstellerischen Werk realisieren. Und war es überhaupt realisierbar? War wirklich nur schöpferisches Unvermögen die Begrenzung? Oder war der Ausgangspunkt für den Erneuerungsversuch bereits ein Irrtum?

Vittorini, ebenso Pavese, sahen in der amerikanischen Literatur – und da wieder hauptsächlich bei Hemingway – das rettende Beispiel für die stagnierende und verquollene Literatur Italiens. Aber läßt sich die eigene Literatur am literarischen Exempel eines anderen, fremden Landes messen, läßt sie sich durch Erfahrungen reorganisieren, die ganz verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Voraussetzungen entspringen? Wird daraus mehr als nur die Übernahmefertiger und nieganz aufgehender Rezepte?