Wolf Hermann.

Buchhandlung Johs. Storm, Bremen:

1. Mich dünkt, daß im Ernst nicht bezweifelt werden kann, daß wir eine Literatur haben, es sei denn, daß sie einem eigenen Wunschbild entsprechen müsse. Welche drei Autoren diese neue deutsche Literatur am deutlichsten repräsentieren? Es bieten sich viele Namen an, jedoch fühle ich mich nicht dafür zuständig, drei herauszuheben. So befragt, muß ich eingestehen, daß ich den Kreis der dafür in Frage kommenden Autoren nicht genügend aus eigener Lektüre kenne.

2. Auch diese Frage vermag ich nicht zu beantworten. Es gibt mehr als drei, die ich gern empfehlen und verkaufen werde. Ich müßte eine Liste aufstellen. Vielleicht aber treffe ich nicht ganz am Sinn Ihrer Frage vorbei, wenn ich drei Bücher nenne, die mir persönlich viel bedeuten und für die Leser zu finden mir eine eigentümliche Befriedigung schenkt, in deren Art es jedoch liegt, daß man sich nicht für sie „besonders einsetzen“ kann.

Von allem, was ich in diesem Jahr gelesen habe, hat mich am stärksten bewegt die Selbstdarstellung von Karl Jaspers in dem Sammelband „Die Kraft zu leben“ (C. Bertelsmann). Bewegt hat mich auch „Hugo von Hofmannsthal – Der Dichter im Spiegel der Freunde“, herausgegeben von H. A. Fiechtner (Francke Verlag). Was für ein Mensch muß dieser Dichter gewesen sein, wenn noch der Nachhall seiner Ausstrahlung in der Erinnerung seiner Freunde – zahlreicher und untereinander ganz verschiedener Freunde – so wunderbar zu erheben und beglücken vermag, wie dieses Buch es tut! Das dritte: Joseph Pieper, „Tradition als Herausforderung“, weil in diesem Buch, wie in allen Büchern dieses Autors, Wahrheit, die mich angeht, dicht und licht so ausgesprochen ist, daß sie mich auch wirklich angeht.

3. Henry Miller, „Wendekreis des Krebses“. Die Antwort auf die Frage nach dem Warum möchte ich mit zwei – in anderem Zusammenhang gesagten – Worten von Karl Jaspers geben, die für vieles gelten, was heute erfolgreich ist: „Aus dieser Kunst spricht die Opposition gegen den eigentlichen Menschen für eine Gegenwart als das nackte Jetzt“, und: „Was die innere Vernichtung unseres Daseins am rücksichtslosesten ausdrückt, findet das stärkste Echo.“

Felix Jud, Hamburger Bücherstube: