Seit ihrem Tiefpunkt zu Beginn dieses Jahres sind die deutschen Aktienkurse zwischen 20 und 30 Prozent gestiegen. Deutet die seit einigen Tagen unsichere Tendenz darauf hin, daß der Endpunkt der gegenwärtigen Aufwärtsbewegung bereits wieder erreicht werden ist? Mit dieser Frage plagen sich zur Zeit zahlreiche Aktiensparer herum, wie ich aus Ihren Anfragen, meine verehrten Leser, sehe. Eine „sichere“ Antwort darauf werden Sie von mir nicht erwarten, denn Sicherheit gibt es nun einmal an der Börse nicht.

Die Anfragen, die in den letzten Wochen auf meinen Schreibtisch gekommen sind, stammen – wenn Sie mir diesen Ausdruck erlauben – aus zwei Lagern. Da sind einmal die „echten“ Aktiensparer, die in den Aktien ein geeignetes Instrument sehen, ihre Spargelder nutzbringend und im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten sicher anzulegen. Zum anderen handelt es sich um Leser, die ganz gern einmal etwas spekulieren möchten, die also in der 3örse eine Einrichtung sehen, mit deren Hilfe man bei einigem Geschick in relativ kurzer Zeit „etwas verdienen“ kann.

Die Fragen der ersten Gruppe sind relativ leicht zu beantworten. Wer langfristig in Aktien spart, muß auch in langfristigen Zeiträumen kalkulieren. Und dann ist es meist unwichtig, ob ein Papier 10 Punkte höher oder tiefer erworben worden ist. Hauptsache, es handelt sich dabei um die Aktie einer Gesellschaft, die auch in der Zukunft die Gewähr einer ausreichenden Ertragserwirtschaftung bietet. Natürlich ist es unvernünftig, solche Aktien zu einem Zeitpunkt zu kaufen, an dem die Gefahr eines Kursrückschlages größer ist als die Chance einer Kurssteigerung. Das ist aber eine Frage der längerfristigen Tendenzbeurteilung.

Persönlich bin ich der Ansicht, daß die Aussichten für einen weiteren langsamen Kursanstieg in den nächsten Monaten größer sind als umgekehrt, daß man also grundsätzlich „ja“ zum Aktienkauf sagen kann. Unterbrechungen im Kursanstieg kann es aus politischen Gründen geben (ein solcher Anlaß ist jedoch zur Zeit noch nicht zu sehen), sie können eintreten, wenn die Löhne wieder stärker in Bewegung geraten sollten (was angesichts der Preissteigerungen auf dem Gebiet der Mieten, Kohle und der Nahrungsmittel leider nicht ausgeschlossen werden kann) oder wenn sich die Konjunkturprognosen als zu optimistisch herausstellen werden.

Welche Aktien kommen nun für eine langfristige Anlage in Frage? Sie müssen vor allem eine angemessene Rendite bieten. Aber was ist heute angemessen? Experten meinen: Mindestens 3,5 %, wobei sie als Leitaktien offensichtlich die Papiere der IG-Farben-Nachfolger im Auge haben, die auf der gegenwärtigen Kursbasis eine solche „Verzinsung“ bringen. Bei der Renditerechnung sind jedoch Vorbehalte angebracht. Tunlicherweise sollte man dabei nicht die zuletzt gezahlte Dividende zugrunde legen, sondern – wenn möglich – die wahrscheinliche Dividende für 1963. Bei den IG-Farben-Nachfolgern (BASF, Bayer und Hoechst) wird sie mit ziemlicher Sicherheit wieder 18 % betragen.

Die Dividende muß echt erwirtschaftet sein. Wenn notwendige Abschreibungen unterlassen oder Rücklagen aufgelöst wurden, um eine möglichst hohe Dividende auszuschütten, dann ist die Rendite eben nicht echt! Auch Sondergewinne sollten kritisch untersucht werden. (Dabei hilft Ihnen sicherlich Ihre Bank!)

Für die Spekulanten spielen solche Gesichtspunkte natürlich nur eine untergeordnete Rolle, denn sie wollen ihre Aktien ja nicht längere Zeit behalten, sondern möglichst schnell Kursgewinne kassieren. Dafür gelten andere Spielregeln, deren Beachtung große Aufmerksamkeit und Wendigkeit erfordert. Meine verehrten Leser, Sie überschätzen mich, wenn Sie mich – wie es ab und an vorkommt – nach Listen solcher Papiere fragen, die „in den nächsten Wochen mit Sicherheit steigen werden“. Solche Listen gibt es nicht, sie wären auch mit Gold kaum aufzuwiegen.