Von Alfred Michaelis

New York, im Oktober

Die Jahresversammlungen der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds (IWF), zu denen die Finanzminister und Notenbankpräsidenten der 102 Mitgliedstaaten im Herbst jeden Jahres, meist in Washington, zusammentreffen, sind zu einer Art Konzil der Weltfinanz geworden. Die Direktoren der beiden Institutionen legen ihre Berichte vor und nehmen zu akuten Problemen ihres Funktionsbereiches Stellung. Bei der Weltbank, die im wesentlichen zu einem Kreditinstitut für die Entwicklungsländer geworden ist, handelt es sich dabei um Wirtschafts- und Finanzierungsprobleme der großen Anzahl neuer Länder, mit denen sie sich finanzierend und beratend zu befassen hat. Der Internationale Währungsfonds fungiert als eine zentrale Gold- und Devisenausgleichsstelle zur Aufrechterhaltung des internationalen Währungsgleichgewichtes.

An die Spitze beider Institutionen sind im Laufe des letzten Jahres neue Männer getreten. Der bisherige Weltbankpräsident Eugen Black ist wegen Erreichung der Altersgrenze ausgeschieden und durch den amerikanischen Bankier Woods ersetzt worden. An die Stelle des kürzlich plötzlich verstorbenen Währungsfonddirektors Per Jacobsson ist der Franzose Pierre-Paul Schweitzer von der Banque de France getreten. Die Einstellung der neuen Männer begegnete naturgemäß besonderem Interesse der versammelten Finanzgrößen, für die die Tagung auch eine Gelegenheit zur Fühlungnahme untereinander darstellte.

Die diesjährige Tagung stand im Zeichen des amerikanischen Zahlungsbilanzdefizits, das sich als hartnäckiger erweist, als noch bis vor kurzem vielfach angenommen wurde. Wenn dieses Defizit, das zu den ständigen Goldabflüssen führt, nicht im Laufe der nächsten Jahre gestoppt werden kann, so droht es auf die Dauer den Dollar zu unterminieren und das ganze internationale Währungssystem zu erschüttern.

Eine Dollarabwertung würde eine allgemeine internationale Abwertungswelle auslösen, da es kaum ein Land mit Rücksicht auf seine internationale Konkurrenzfähigkeit riskieren würde, sich einen im Verhältnis zum Dollar hohen Wechselkurs zu leisten. Wenn eine Dollarabwertung aber eine internationale Währungsabwertung auf der ganzen Linie zu Folge haben würde, so wäre sie dadurch um ihre Wirkung gebracht. Der Sinn einer Dollarabwertung bestände ja gerade darin, den Wert des Dollars im Verhältnis zu anderen Währungen herabzusetzen, um die amerikanische Exportfähigkeit zu stärken und die Zahlungsbilanz zum Ausgleich zu bringen. Die Schwierigkeit und Verwickeltheit des Problems ist offensichtlich. Es stellt den großen Unsicherheitsfaktor im ganzen Weltwährungssystem dar.

Kennedy hat in seiner Eröffnungsansprache an die Konferenz zwar betont, daß jedes einzelne Land in der Welt ein direktes Interesse am Dollar und seiner Sicherheit hat, jedoch keinen Zweifel darüber gelassen, daß dieses Problem nur von den Vereinigten Staaten selbst gelöst werden kann. Dabei hat er kategorisch zum Ausdruck gebracht, daß die amerikanische Regierung entschlossen ist, die Zahlungsbilanz ohne Änderung des Goldpreises – d. h. ohne Abwertung – wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Mit dieser Versicherung mußte sich die Konferenz begnügen, und es ist festzustellen, daß der amerikanische Zahlungsbilanzausgleich in der Tat ein Problem ist, das nur von der amerikanischen Wirtschaftspolitik gelöst werden kann.