R. S., Bonn, im Oktober

Im bayerischen Wahlkampf, dessen landesübliche Spezialitäten freilich besondere Vorsicht ratsam erscheinen lassen, wenn es um die Wertung von Wahlbehauptungen geht, geschah im Herbst vorigen Jahres folgendes: Der Bundestagsabgeordnete der CSU Karl Wieninger bestritt dem damaligen Bundesjustizminister Stammberger die Eignung zum Geheimnisträger. Beim Bundesverfassungsschutz wisse man so viel über Stammberger, sagte er, daß man ihm nur den Rat geben könne, sich schleunigst zurückzuziehen.Er sei nicht einmal in einer ganz untergeordneten Stellung in einem Ministerium verwendbar.

Stammberger nahm jenen Vorwurf damals nicht ernst. Aber als vor einiger Zeit die Abhörpraktiken des Bundesverfassungsschutzamtes einer im wesentlichen bisher nicht widerlegten Kritik unterzogen wurden, begann Stammberger über die Äußerungen Wieningers doch anders zu denken. Er schrieb Wieninger einen Brief, in welchem er Aufklärung verlangte: ob nämlich Wieningers Behauptungen im Wahlkampf erfunden seien oder ob er wirklich Kenntnis habe von solchen Vorwürfen des Bundesverfassungsschutzamtes gegen Stammberger.

Stammberger scheint für möglich zu halten, daß seine Telefongespräche abgehört wurden (was freilich nicht zu einer so grotesken Beschuldigung gegen ihn hätte Anlaß geben können). Einen Durchschlag seines Briefes an Wieninger sandte Stammberger an Bundesinnenminister Höcherl, der ihm alsbald eine Überprüfung des Falles versprach. Wieninger hat auf Stammbergers Schreiben noch nicht geantwortet, obwohl seit dessen Absendung etwa drei Wochen vergangen sind. Und was aus Höcherls Untersuchungsabsicht bisher geworden ist, weiß Stammberger auch nicht. Er ist offensichtlich entschlossen, die Angelegenheit notfalls vor das Plenum zu bringen.