Am Muster meines Lebens webten die Nornen. Ich halte mich deshalb gern auf den Hebriden auf, den Inseln nordwestlich von Schottland. Nie wurde es mir leid, obwohl das Leben dort bis heute recht primitiv ist und sich trotz elektrischen Lichts und moderner Waschmittel seit den Wikingerzeiten kaum verändert hat. Man lebt bei Fischern in ihren niedrigen Häuschen, die sich wie Seevögel vor den Stürmen ducken. Die Touristik beschränkt sich auf Flüchtlinge vom modernen Leben, die noch ursprüngliche Menschen und Landschaften suchen. Die Landschaft blieb unverschönt von Werbungsschildern und anderen Zivilisationserrungenschaften. Die Menschen sprechen gälisch; wenn unbedingt nötig, aber auch das den Hörer weich einhüllende Englisch der schottischen Westküste und Irlands. Die Inselbewohner kümmern sich keinen Deut um weltpolitische Ereignisse und dergleichen Nichtigkeiten. Nur wenn russische Fischerboote in Küstennähe ihre Netze auslegen, schätzen sie die Entfernung mit zusammengekniffenen Augen. Aber beileibe nicht, weil es Russen sind, auch englische Fischer werden mit Mißtrauen beobachtet. Wer läßt sich schon gern die fetten Heilbutte und Hummer vor der Nase wegfangen?

Meistens wohne ich bei den MacCraes. Das Haus steht etwas entfernt von der kleinen Mole, und da kann ich auch am Sonntag auf der Schreibmaschine tippen, ohne von den streng kalvinistischen Nachbarn gehört zu werden. Oder ich helfe dem alten MacCrae beim Netzeflicken und lerne Balladen, die von der Liebe und dem Tod auf dem Meer handeln. Der Seewind säuselt seine Begleitung und riecht nach Seetang. Mitunter jedoch, wenn der Wind sich dreht und von der Insel weht, mischt sich unter den Schafsgeruch ein leichter Duft von Alkohol. Dann nickt mir MacCrae zu, und wir beide wissen, die Mac ... – nein, die Namen kann ich beileibe nicht nennen – brennen wieder Whisky. Natürlich heimlich. Wenn es die Zollbeamten vom Festland erfahren, regnet es hohe Strafen auf Brenner und Genießer zugleich. Aber wer sollte das verraten? Der Whisky ist spottbillig und erfüllt seinen alten und schönen Zweck. Für Feinschmecker ist allerdings der frische Whisky, der sofort ungelagert getrunken wird, viel zu roh. Selbst mir, der ich doch an irischen „Potheen“ gewöhnt bin, brennen die Innenorgane wie im Fegefeuer. Wegen der Explosionsgefahr wage ich dann stundenlang nicht, eine Pfeife anzuzünden, und mache einen weiten Kreis um jedes offene Feuer. Dann lacht mich MacCrae aus, bringt aber eine Flasche, deren Etikett längst abgewaschen ist und deren Whiskyinhalt die Kehle wie Milch durcheilt. Aber auch von diesen Flaschen darf der Zoll nichts wissen – dieser Whisky ist altes Strandgut. Während des Krieges wurde ein Frachtschiff auf die Felsen zwischen den Inseln Barra und Süd-Uist getrieben und zerschellte.

Das geschah in einer Samstagnacht. Am Sonntagmorgen lagen in den Riffen an die zwanzigtausend Whiskykisten, die von den Bewohnern der beiden Inseln durstig betrachtet wurden. Als die Männer von Süd-Uist ihre Currahs fertigmachten, um das kostbare Strandgut zu bergen, wurden sie von ihren streng calvinistischen Pastoren gehindert. Nach alttestamentarischer Weise ist auf den protestantischen Inseln die Arbeit am Sabbat verboten. Obwohl die Fischer ihren Pastoren klarzumachen suchten, sie empfänden die Bergung des köstlichen Nasses keineswegs als Arbeit, blieben die Seelenhirten eisern hart. Dagegen setzte auf der benachbarten Insel Barra, die von der Reformation übersehen wurde und katholisch blieb, sofort nach der Messe ein fröhliches Treiben ein. Die Boote von Barra bargen, was sie konnten, und selbst älteste Männer, die seit Jahren nicht auf der See waren, legten sich in die Riemen mit aller Kraft, die ihr Alter zuließ. Die Fischer von Süd-Uist sahen voller Verzweiflungder alkoholischen Regatta ihrer katholischen Rivalen zu und warteten schmachtend auf Mitternacht. Inzwischen blieb auf Barra keine Kehle trocken, und lustige Gesänge übertönten die Brandung der Küste Süd-Uists, wo die durstigen Protestanten am Zweck der Reformation zu zweifeln begannen.

Wohl höchst selten wurde der Montag auf der Insel so herbeigewünscht. Als die Uhr endlich die Mitternacht kündete, löste sich die über den Sonntag geballte Energie. Die flachen Currahs schossen auf die Felsenriffe zu. Tausende von Whiskykisten wurden geborgen, über die ganze Insel versteckt und in der „Machar“, den Sanddünen, vergraben. Während des ganzen Montags hörten nun die Fischer von Barra voller Verständnis die alkoholisch gesteigerten Gesänge der Nachbarinsel, wenn der Wind sie zutrug. Später, als die Zollbeamten vom Festland kamen, fanden sie auch nicht eine Flasche Whisky vor. Mißtrauisch, wie sie einmal sind, befragten sie jeden Inselbewohner über die Katerepidemie aus. Aber darin waren sich Katholiken und Protestanten einig, kein Mensch wußte etwas über Whisky. Auch die gerettete Schiffsbesatzung schwieg aus erklärlichen Gründen. Selbst die beiderseitigen Seelenhirten wußten, trotz leichter Schluckser, nichts auszusagen. Diese schöne Einigkeit unter den Konfessionen brachte die Inseln geistig bedeutend näher als alle Naturkatastrophen, als alle keltischen Belange.

Auch heute noch wird bei den „Cheiles“, den gälischen Partys, Whisky aus den Verstecken geholt, um die Balladensänger zu erfrischen. Dieser Whisky ist jetzt über fünfundzwanzig Jahre alt und stünde hoch im Preis auf dem Weltmarkt. Aber der Whisky bleibt auf den Inseln, trotz aller amerikanischen Lockungen. Der schottische Autor Compton McKenzie schrieb vor Jahren über dieses alkoholische Thema sein Buch „Whisky Galore“ (Unmengen Whisky).

Als wir bei meinem letzten Besuch wieder davon tranken, erzählte mir der alte MacCrae von der Tragödie des Tischlermeisters MacGregor. MacGregor ist hochgeschätzt auf der Insel, nicht nur weil er die Särge zimmert und gleichzeitig auch den Fußballtoto betreut, sondern weil er den meisten Whisky in der Machar vergrub. Als sein alter Hund starb, war MacGregor untröstlich. Er war, zum Erstaunen der Bewohner, so vom Schmerz über den Verlust seines Hundes überwältigt, als ob sein eigener Bruder gestorben wäre. Auf Befragen antwortete er schluchzend: „Versteht ihr denn gar nicht, nur der Hund wußte genau, wo der Whisky in der ‚Machar‘ vergraben liegt.“ Nieter O’Leary