R. F., Paris, im Oktober

Die bestmögliche Politik für Algerien ist die des kleineren Übels. Und das kleinere Übel ist im Moment Ben Bella – wenigstens für die französische Regierung. Trotz der andauernden Fußtritte, die Ben Bella dem Vertrag von Evian versetzte, hat sich Paris sehr zurückgehalten.

Die Enteignung der französischen Siedler, der drei letzten französischen Zeitungen und verschiedener großer Hotels hat gewiß schockiert. Aber die Zeit der kolonialistischen Reflexe scheint endgültig überwunden. Heute bewahrt die französische Diplomatie gegenüber Ben Bellas Provokationen kühles Blut und konzentriert sich nüchtern darauf, die französischen Interessen zu wahren. Auch wenn die Vertreibung der französischen Siedler groteskerweise ausgerechnet jene traf, die Vertrauen in den Vertrag von Evian und die Zukunft Algeriens hatten, ließ sich die französische Regierung nicht von der Einsicht ablenken, daß sowohl die französischen wie die algerischen Interessen am besten dann gewahrt sind, wenn es gelingt, die politische Macht zu stabilisieren, wie dies Ben Bella durch die neue Staatsverfassung und andere Maßnahmen versucht hat. Daß Ben Bella dabei die elementaren Gesetze der Demokratie mißachtet, wird in Paris als sekundär betrachtet.

Noch immer ist Algerien der viertgrößte Handelspartner Frankreichs, das ihm für den Absatz von Wein, Öl und landwirtschaftlichen Produkten Vorzugsbedingungen gewährt. Frankreich bleibt in Algerien mehr als anderswo engagiert: 140 000 Franzosen sind noch in der früheren Kqlonie tätig, französische Gesellschaften kontrollieren weiterhin die Gas- und Ölquellen in der Sahara, sowie verschiedene industrielle Unternehmungen, 8000 französische Lehrer bemühen sich darum, daß Französisch offizielle Sprache bleibt und daß der kulturelle Einfluß der Metropole weiterbesteht. Überdies hat Frankreich sich für 15 Jahre das Verfügungsrecht über die Atombasis Reggane in der Sahara und den Flottenstützpunkt Mers-el-Kebir gesichert.

Von den 370 000 Mann, die sich bei der Unterzeichnung des Vertrages von Evian in Algerien befanden, sind bereits 290 000 Mann abgezogen worden. Der Rest soll bis Ende 1964 evakuiert sein. Bis dahin gilt für die französische Armeeeinheiten in Algerien die strikte Regel der Nichteinmischung. Algerien bleibt für Frankreich eine äußerst wichtige Brücke nach Afrika, und deshalb versucht die französische Politik, alles zu vermeiden, was am anderen Ufer des Mittelmeeres ein zweites Kuba schaffen oder bei den blockfreien Staaten einen schlechten Eindruck machen könnte.

Kein Wunder also, daß Paris auf die Enteignung der französischen Siedler milde reagierte und lediglich eine Entschädigung der Betroffenen zu Lasten der französischen Wirtschaftshilfe an Algerien in Aussicht stellte. Die französische Regierung hofft anscheinend darauf, daß Algerien nach einer kritischen Übergangsphase langsam wieder zur Vernunft kommen wird. Schließlich hat Frankreich ja Mittel, dieser Vernunft etwas „nachzuhelfen“. Auch Ben Bella muß sich darüber im klaren sein, daß Frankreich nicht ohne weiteres jedes Jahr bis zu zwei Milliarden Francs auslegen wird, um das Budgetdefizit Algeriens mit Francs zu decken. Im übrigen scheint die französische Regierung jetzt daran interessiert zu sein, den Vertrag von Evian den sozialistischen Methoden Ben Bellas etwas anzupassen, um die Zusammenarbeit zu erleichtern.

Der Konflikt Ben Bellas mit den Kabylen hat in Paris nicht überrascht, weil diese Gegensätze schon in den Anfängen der algerischen Rebellion sichtbar geworden waren. Die Berberstämme in den gebirgigen Gegenden Algeriens haben sich immer schon durch ein ungewöhnliches Maß an Freiheitsdurst ausgezeichnet – bei den Invasionen der Römer, Vandalen, Byzantiner, Araber, Spanier, Türken und schließlich auch der Franzosen. Erst 1857 wurden sie von Frankreich unterworfen. Auch nach einem Jahrtausend arabischer Herrschaft betrachten sie die Araber noch in gewisser Weise als Usurpatoren. Um so größer daher ihre Enttäuschung, als sie im neuen Kabinett Ben Bellas ihrer Ansicht nach nicht genügend zum Zuge kamen. In Paris glaubt man jedoch nicht, daß die von Ait Achmed und Oberst Mahand Ou el Hadj gegründete „Front der sozialistischen Kräfte“ zu einem offenen Bürgerkrieg führen werden. Die „Rebellen“ bedienten sich der in Nordafrika nicht unüblichen Methode, mit einem bewaffneten Aufstand zu drohen, um eine bessere Verhandlungsposition zu erzwingen.