Trotz all der Dichter, die wirksame Propaganda für die Dichtung geschrieben haben, wäre einiges zugunsten einer Teilung der Gewalten zu sagen. Harry Levin

Natürlich hat Dr. Levin recht. Der Typ jenes unglücklichen oder verunglückten Schriftstellers, der sich zum Kritiker macht, um die Werke der lieben Kollegen entweder seelisch zu imitieren oder aus dem Grunde zu verwerfen, weil sie nicht so ausgefallen sind, wie er selbst sie geschrieben hätte, ist auch in der deutschen Literaturgeschichte gut bekannt.

Da sind sogar berühmte Namen zu nennen. Christian Dietrich Grabbe schrieb im Jahre 1827 einen ebenso amüsanten wie unsinnigen Aufsatz „Über die Shakespearomanie“, worin er seinen deutschen Lesern auseinanderzusetzen suchte, Shakespeare sei ein ganz schlechter Dramatiker gewesen, der es an dramaturgischer Sorgfalt Überhaupt nicht mit einem Schiller aufnehmen könne. Übrigens hielt sich Grabbe zu seinem Glück keineswegs selbst an diese kritischen Prinzipien. Seine eigenen dramatischen Werke verraten natürlich weit tiefer den Einfluß Shakespeares als den Schillers. Etwa zwanzig Jahre später ging Otto Ludwig den umgekehrten Weg. Er opferte Schiller auf Shakespeares Altar und versuchte in zahllosen, meistens ziemlich sterilen Shakespeire-Studien dem Dramatiker des Macbeth durch möglichst genaue Identifizierung das Geheimnis zu entlocken. Das Ergebnis? Keine deutsche Bühne spielt heute auch nur ein einziges von Otto Ludwigs Dramen.

Zwei warnende Beispiele für die bedenkliche Konfusion, die entstehen kann, wenn wirkliche Schriftsteller sich damit abmühen, genauso als Kritiker tätig zu sein wie jene anderen Rezensenten, die bloß Kritiker sein wollen. (Übrigens ist diese Feststellung nicht auf die Literaturgeschichte beschränkt. In der Musikgeschichte sei bloß an den erheiternden Unsinn erinnert, den etwa der große Hugo Wolf als Musikkritiker niederschrieb, wenn es galt, die neuen Sinfonien von Johannes Brahms zu vernichten.)

Soll man nun, wie Dr. Levin vorschlägt, das Prinzip der Gewaltenteilung als Lebensgrundsatz eines guten Kritikers akzeptieren? Das eben ist die Frage. Welche Rolle soll dann der Kritiker innerhalb der Gewaltenteilung einnehmen; Legislative, Exekutive oder richterliche Gewalt? Wenn ich mich auf Beispiele aus der deutschen Literaturgeschichte beschränke – es gibt aber, soweit ich sehe, analoge Erscheinungen in den meisten europäischen Literaturen –, so sind alle diese Spielarten ausprobiert worden. Jede hatte in der Geschichte einmal ihre Zeit. Allenthalben ist diese Zeit aber vorbei.

Von der Renaissance bis zur Aufklärung war eigentlich unbestritten, daß der Kritiker ein Richteramt ausüben müsse. Er hatte bei neuen Werten zu prüfen, ob sie den angeblich aus der Antike überlieferten Gesetzen der Ästhetik und Poetik entsprächen. Noch Lessing handelte als Kritiker nach diesem Grundsatz. Er prüfte alle Neuerscheinungen der Dramatik unter Berufung auf Aristoteles. Mit Einzelheiten nahm er es nicht sehr genau. Weil er Shakespeare sehr liebte, ernannte er ihn einfach zu einem Musterschüler des Aristoteles. Aber schon um 1770 war diese kritische Haltung unmöglich geworden. In unserem Jahrhundert hat Bertolt Brecht sein ganzes Genie als Stückeschreiber und die ganze Schärfe seines Verstandes darauf verwandt, die Notwendigkeit einer „nicht-aristotelischen Dramatik und Dramaturgie“ zu begründen. Als die ästhetischen Gesetzestafeln zerstört wurden, war es aus mit der richterlichen Gewalt des Kritikers.

Die deutsche Klassik eines Schiller und Goethe machte daraufhin den Kritiker zum Gesetzgeber. Beide Dichter waren – ein seltener Fall – wahrhaft bedeutende Kritiker. Benedetto Croce war sogar spöttischerweise bereit, Schiller als Kritiker anzuerkennen, während er den Dichter Schiller in den Unterweltsbereich der „Nichtpoesie“ verbannte. Man kann aber doch nicht ernsthaft behaupten, die ästhetischen Prinzipien des deutschen Klassizismus hätten heute noch gesetzgeberische Kraft. Nur in den sozialistischen Ländern wird immer noch das Postulat erhoben, die sozialistische Literatur der Zukunft müsse sich folgerichtig auf der Grundlage klassischer Normen weiterentwickeln, denn jener Klassizismus, der Goethes vor allem, bedeute den Höhepunkt in den ästhetischen Erkenntnissen des Bürgertums, solange es noch eine aufsteigende Klasse war. Georg Lukács hat immer wieder diese These vertreten, ohne daß man sagen könnte, die literarischen Ergebnisse sprachen für irgendeine Lebenskraft jener ästhetischen Gesetze die zwischen 1795 und 1805 in Weimar entwickelt wurden. Man wird auch nicht sagen können, daß Lukács als Kritiker bei Anwendung dieser Prinzipien sehr glücklich gewesen wäre. Es entstand daraus eine geistig unhaltbare Antithese: Thomas Mann oder Franz Kafka, wobei der Dichter des „Doktor Faustus“ zugelassen, der Erzähler aus Prag aber als dekadent verworfen wurde. Stets im Namen einer Kritik der klassischen Normavität.