Von Anton Sailer

Zum 130. Mal hat sich zu Füßen der ehrbar erzenen Bavaria ein Monstrum niedergelassen. Die „Wies’n“, wie die Münchner ihr traditionelles Volksfest nennen, dauert ihre sechzehn Tage und holt täglich elf Uhr vormittags rasselnd neuen Atem. Sie dreht sich, wiegt sich, eine zappelnde, schillernde Abnormität, die ständig anschwillt, aus allen Poren dampfend ihre Verführungskünste spielen läßt.

Wie eine aufgeputzte, geldgeile Kokotte liegt sie da. Schamlos und breit sich rekelnd, orgelnd und kreischend, darauf wartend, jedem sich hinzugeben. Herausfordernd, aufgedonnert. Gestelzt, geleckt, geziert. Mit grellen Schießblumen im Zottelhaar, mit zuckerigen Herzin um die Hüften, mit Goldfransen und verschlissenem Samt um die prallen Schenkel... ein Ausbund an Gier, Verfressenheit und Sauflust.

Wahrhaftig, ein quäkender Wechselbalg streckt sich und breitet lustvoll fleischige Arme aus, um die als flirrender Reifenschmuck Karussells und Achterbahnen scheppern. Despotisch, tributheischend, von sich selbst überwältigt, fährt diese „Wies’n“ mit tausend raffenden Krallen in alle Taschen, kitzelt die einen mit teurem Brathendlduft und wischt den andern mit billiger Rollmopsbeize ums Maul.

Aber die „Wies’n“ bietet gleichzeitig auch ein Bild von zauberischer Harmonie und holder Sanftheit: In den weißblauen Himmel hinein steigen Luftballons, Fahnen wehen, Föhrenbäume stricheln ihr Grün dazwischen. Die bewegte, farbenfrohe Kulisse einer arglosen Lebensfreude, die alle Welt in ihren Bann zieht. Und drängen nicht ringsum heiter gestimmte Massen zur breiten Wirtsbudenstraße herbei? Steht nicht auf jedem Gesicht, ob alt, ob jung, wohliges Behagen samt der dankbaren Genugtuung, das Fest miterleben zu dürfen?

Langsam nur, Schritt um Schritt, kommt man vorwärts. Vor dem Löwenbräu-Palast aber Staat sich die Menge zu dichten Klumpen und Start zu dem biertrinkenden Papplöwen an der Eingangsfront hoch. Ein mechanisches Meisterwerk, – das immer wieder Bewunderer findet.

Aufrecht auf den Hinterbeinen sitzend, führt der überlebensgroße Löwe mit der rechten Pranke einen Maßkrug zu seinem Rachen hoch. Die Geste wird von einem zweimaligen, gutturalen Gebrüll begleitet, dem ein dumpfes Grollen folgt. Dann jedoch ist der Maßkrug oben, das majestätische Tier wirft den Kopf zurück, kippt den Krug und markiert einen tiefen Schluck.