Das Vatikanische Konzil – wie geht es voran? Und was geht voran? Diese Fragen zu beantworten, ist so einfach nicht. Denn das Unternehmen, das gegenwärtig programmgemäß in zweiter Session fortgeführt wird, ist zu groß, als daß ein Mensch – und sei es der Papst selber – zugleich Überblick über das Ganze und Gewißheit der Ziele haben könnte. Hier sind vorsichtige Formulierungen angebracht, wie sonst nirgendwo. Vorschnelle Prognosen (wie man sie in vielen Berichten lesen kann) sind des Teufels. Und sicherer als das, was sein wird, kann man voraussagen, was nicht sein wird. Es wird keinen Sieg der „Bewahrer“, der „Konservativen“, der „Unnachgiebigen“ geben!

Halten wir uns an die Regel, daß die Darstellung von Ideen und Tendenzen erleichtert wird durch die Schilderung der Persönlichkeiten, die sie hegen.

Das ist Johannes XXIII. dessen Lebensbild alle Menschen spätestens bei seinem Tode begriffen, vom Herzen her begriffen haben: ein Gelehrter in der Figur des gütigen, lächelnden, alliebenden Weltpfarrers. Unter „Bauerneinfalt“ verbarg er diplomatisches Genie. Ihn könnte kein Hochhuth zur dramatischen Figur machen, obwohl es da eine gewisse Vatikan-Szene gibt, in der Vertreter arabischer Staaten mit der Drohung auftauchen, der Papst möge nicht allzu christlich-liebend zu den Juden sein, da sie sonst nicht garantieren könnten, daß den Christen in ihren Ländern kein Leid zustieße ...

Geschehen war dies: Der deutsche Kurienkardinal Bea – damals praktisch der einzige starke und große Mann, der aus Überzeugung (und täglich) an der Seite des Papstes war – hatte ein Schriftstück formuliert, dessen Vorschläge die letzten Reste einer aus religiösen Gründen geübten Haltung gegen das Judentum beseitigen sollten. Anregungen, die einem der „Schemata“ des schon tagenden Konzils eingefügt werden sollten. Der Heilige Vater billigte sie. Doch was sollte er angesichts der Drohungen tun? „Effraye, le Pape recule“, schrieb „L’Express“, die Pariser Wochenzeitung. Entsetzt wich Johannes XXIII. zurück. Er legte Beas Entwurf beiseite.

Entsetzt – worüber? Über die Drohungen der Diplomaten? Oder über die Tatsache, daß hier die politische Aktion der weltlichen Mächte schon einsetzte, noch ehe das Thema im Kreise der höchsten geistlichen Würdenträger zur Spräche gekommen war?

Ja, der Papst gab – dies den auf Dramatik bedachten Hochhuths zur Kenntnis! – für den Augenblick nach, jedoch nur für den Augenblick. Es folgte ein neuer Papst; es kam Montini. Es blieb Bea, aber es blieb auch Ottaviani; es blieb „die Kurie“.

Was keine Fernsehkamera zeigen kann, und was die Berichte der Beobachter des Konzils bisher nicht einmal ahnen lassen: Es sind natürlich Menschen von Fleisch und Blut, diese Konzilväter, die sich im Petersdom und an anderen Stätten versammeln. Über das hohe Maß ihrer Intelligenz brauchen wir nicht im Zweifel zu sein. Es ist auch nicht so, daß wir – sollten wir den „Reformern“, den „Avantgardisten“ unsere Segenswünsche schenken – ein Recht hätten, die Kardinäle der Kurie, diese sehr mächtigen Administratoren der römischen Weltkirche, zu verteufeln.