Von Hanns Meenzen

Erbitterte Fehde hersscht wieder einmal unter den Krankenkassen. Diesmal sind es aber nicht gesetzliche und private Kassen, die sich bekriegen; vielmehr haben sich die gesetzlichen Krankenkassen unter sich entzweit, und zwar gründlich.

Anlaß dazu gaben zwei Artikel, die in der „Ortskrankenkasse“, dem Organ des in Bad Godesberg domizilierenden Bundesverbandes der Ortskrankenkassen (BdO) erschienen sind. Verfasser sind die Referenten des BdO Bucher und Taprogge. Der eine schlug, in Abänderung eines Vorschlages des Gemeindetages, einen Finanzausgleich zwischen den Krankenkassen zugunsten der Ortskrankenkassen vor; der andere ging noch einen Schritt weiter und flirtete in aller Offenheit mit der Einheitsversicherung.

Das Tabu der in Orts-, Land-, Innungs-, Betriebs- und Ersatzkassen „gegliederten“ sozialen Krankenversicherung bezeichnete Taprogge unverblümt als Zersplitterung; die Kassen selbst als „letzte Domänen des Mittelalters“, und die bei ihnen oft betonte Hochachtung vor der Vergangenheit als „glücklich gewählte und gut gezielte Spekulation auf verdrängte Komplexe vieler Zeitgenossen“.

Hätte Taprogge persönliche Beleidigungen ausgesprochen, die Reaktion hätte nicht schlimmer sein können. Seit Erscheinen seines Artikels wird in den Verbandszeitschriften der übrigen Kassen Gift und Galle gespuckt. „Disqualifizierung wider besseres Wissen“, „offene Diffamierung“, „Mißtrauensvotum“, „Unkenntnis“, ja, „Unwahrheit“ sind nur einige der Pfeile, die zurückgeschossen werden. Einige davon sollen den „ungewöhnlich anspruchslosen Schreiber“ offenbar ganz persönlich treffen, andere den BdO als solchen, vermutet man doch hinter den Referentenmeinungen eine gesteuerte Aktion der Spitzenorganisation der Ortskrankenkassen.

Den vorläufigen Höhepunkt erreichte diese Kampagne auf dem soeben beendeten Ersatzkassentag in Stuttgart. Ursprünglich und vornehmlich als Demonstration gegen den Krankenversicherungsreformentwurf der Bundesregierung gedacht, entwickelte er sich gleichzeitig zu einem Anti-Ortskrankenkassentag: nichts geringeres schlugen die um ihre Sonderrechte besorgten Ersatzkassen vor, als daß diese Rechte allen verliehen werden sollten, verbunden mit ungezügelter Freizügigkeit der Versicherten und dem Recht auf Neugründung auch von Arbeiter-Ersatzkassen.

Mit anderen Worten: auf der Basis der im Gesetzentwurf geplanten einheitlichen Gebührenordnung sollen alle Kassen ihr eigenes Leistungsgefüge aufbauen, ihre eigenen Arztverträge schließen können und so wie bisher nur Angestellte das Recht haben, einer Ersatzkasse beizutreten; und künftig sollen auch die Metallarbeiter, die Chemiearbeiter oder wer immer will eigene Ersatzkassen gründen. können, und nach eigenem Geschmack, Bedürfnis und Einkommen Leistungen, Honorare und Beiträge festsetzen.