Von Walther Weber

Die schlimmsten Streitigkeiten entstehen erst dann, wenn beide Seiten gleichermaßen im Recht und im Unrecht sind. Churchill

Nicht nur in der Politik hat dieser Ausspruch Gültigkeit. Er trifft auch weitgehend auf die Auseinandersetzung zu, die seit Jahren das Kreditwesen beherrscht. Genauer gesagt kennzeichnet er die hitzige Wettbewerbsdebatte, welche die Verbände der Kreditinstitute in die Öffentlichkeit getragen haben.

Warum? Nicht etwa weil es diesem Wirtschaftssektor allgemein schlechtgeht, oder die Existenz sämtlicher Verbandsmitglieder auf dem Spiel steht. Denn die Geschäfte laufen bei den meisten wahrlich gut, wie die Bilanzen zeigen und auch prominente Sprecher der konkurrierenden Gruppen gern zugeben. Der Streit ist ausgebrochen, weil der öffentlich-rechtliche Banksektor seinen „Marktanteil“ vergrößert hat und die privaten Kreditinstitute sich wegen deren „Privilegien“ benachteiligt fühlen.

Dabei fing zunächst alles so harmlos an. Die Sorgen um den Wiederaufbau nach der Währungsreform, das stürmische Wachstum der Bilanzen und die stattlichen Gewinne hatten die Wettbewerbssorgen im Kreditwesen in den Hintergrund treten lassen, ähnlich wie die Geldfülle in der gelenkten Wirtschaft des Dritten Reiches die Konkurrenzprobleme überdeckte. Doch wie aus heiterem Himmel war der Streit wieder aufgeflammt, der schon mehrere Generationen von Bankkaufleuten beschäftigt hat. Seit die Sparkassen über ihre ursprüngliche Aufgabe, den „Tagelöhnern und Mägden die Groschen“ aufzubewahren, sie zum Sparen anzuhalten, hinauswuchsen, sind sie in den Augen der arrivierten Privatbankiers und Großbanken Eindringlinge.

Dieses Mal entzündete sich der Funke zuerst an der kräftigen Ausdehnung der Zweigstellen, die mit Fortfall der Bedürfnisprüfung im Jahre 1958 möglich wurde. Die Deutsche Bundesbank war hier zunächst als Kritiker auf den Plan getreten und hatte aus der verständlichen Sorge um die Überbesetzung des Gewerbes warnend ihre Stimme erhoben.

Dann folgten die Angriffe der Raiffeisengenossenschaften, in den stürmischen Attacken des Landrates a. D. Peters gipfelten, die Sparkassen in privatrechtliche Erwerbsunternehmen zu verwandeln. Auch der Bundesverband des privaten Bankgewerbes war nicht müßig; er intervenierte im Februar 1960 beim Wirtschaftsausschuß des Bundestages. Schließlich wurde auch der Deutsche Genossenschaftsverband aktiv, der die rund 740 gewerblichen Kreditgenossenschaften, zumeist Volksbanken, betreut. Er verfaßte im Sommer eine Eingabe an alle Bundestagsabgeordneten und an die zuständigen Bundes- und Länderministerien, in der gegen die sogenannten Privilegien der Sparkassen ausführlich polemisiert wurde. Die Eingabe führte, nach heftigen Angriffen bei den Beratungen über das neue Kredit Wesengesetz, zu dem Auftrag an die Bundesregierung, „zu prüfen, ob und inwieweit der Wettbewerb zwischen den verschiedenen Sparten des Kreditgewerbes durch gesetzliche und verwaltungsmäßige Begünstigungen bestimmter Kreditinstitute verschoben wird und welche Maßnahmen gegebenenfalls zur Herstellung gleicher Wettbewerbsbedingungen angezeigt sind“. Im Entwurf der Entschließung waren sogar die Sparkassen noch namentlich als Betroffene genannt. Der neutralen Optik wegen ersetzte man das Wort später durch die Bezeichnung „bestimmte Institutsgruppen“. Kein Wunder, daß die öffentlich-rechtlichen Institute insbesondere die Sparkassen die „Wettbewerbsenquête“ als gegen sich gerichtet, sozusagen als „Sparkassenenquete“, betrachten.