Ob Krönung oder Staatsbesuch, hohe Taufe oder feierliches Begräbnis: das Volk, das sich im festlichen Zeremoniell einst selbst erhoben fühlte, ist wieder, wie zu Kaisers Zeiten, dabei; die Television ermöglicht eine neue, indirekte Form der Repräsentation. Statt Fahnenschwenken und Spalier ein kritisch-distanziertes Betrachten; statt Vivat und Hurra ein abstraktes Partizipieren: Wie doch die Tage vergehen – Die Monarchen freilich lächeln so huldvoll wie je, winken den Kameras zu und beziehen die imaginäre Gemeinde freundlich mit ein.

Nur am letzten Sonntag war alles ganz anders; die zweite Phase des vatikanischen Konzils wurde eröffnet; die Geistlichkeit hatte sich in der Peterskirche versammelt. Doch man blieb unter sich; kein Lächeln und kein vertraulicher Blick, keine Geste und kein bewußt zur Schau getragener Ernst ließen erkennen, daß man sich beobachtet wußte. Im Gegenteil, die winzigen, ganz auf die Präsenz gerichteten Winke, ein Senken des Kopfes oder ein ermunternder Augenaufschlag, bewiesen – und das war schön und bewegend – wie sehr sich die Beteiligten auf das leibhaftige Geschehen konzentrierten. Niemand sprach zum Fenster hinaus; die Peterskirche, ein sehr eng gewordenen Abendmahlsaal, war die Welt.

Die Kamera, in Bramantes Kuppel postiert, zeigte das riesige, von Kerzen erleuchtete Schiff; man sah von nahem den zelebrierenden Priester, das Weihrauchfäßchen und die Oblate, die Kleidung des Papstes, Albe, Stola, Pallium; man sah von fern das Meer der Spitzhüte, das Wogen der Bewegungen, Kreuzeszeichen und verständnisvoll geübtes Ritual. Alles wirkte leicht und einstudiert zugleich, ganz anders als im Fall der Funeralien für den verstorbenen Hirten. Diesmal störte kein Laien-Unverstand, kein mokantes Achselzucken den Ablauf.

Der Papst, ein sehr einsamer Mann (Hamlet, heißt es, habe ihn Johannes XXIII. mit Vorliebe genannt), sprach, als „der Geringste unter euch allen“, zu seinen Brüdern. Salvete, venerabiles fratres: Es war eine gewaltige Rede. Ein Latein von großer Klarheit gab, sallustianisch-knapp, den theologischen Erörterungen die begriffliche Luzidität. Vierfach gegliedert, mit scholastischem Sinn disponiert, thesenklar, aber auch ausnahmereich („unter Berücksichtigung örtlicher Vorrechte, geistiger Strömungen, eigenständiger Überlieferungen...“ hatte diese Verlautbarung, bis in die Nuancen hinein, das hohe Pathos klassischer Rhetorik.

Es war ein Vorspiel der kommenden Enzyklika; ein Traktat von höchster Präzision, der sich dennoch ganz vom Air der Mündlichkeit getragen sah. Begriffe und Bilder, „das geistige Drama“ und „der Friede macht aus der Menschheit eine einzige Stadt“, entstammten dem Wortschatz der ecclesia sub cruce in gleicher Weise wie dem Vokabular der ecclesia triumphans. Eine kühne und ergreifende Rede, eine Proklamation voll versteckter Hinweise: War es ein Zufall, daß gerade Wissenschaftler, Künstler und Arbeiter besonders nachdrücklich aufgerufen wurden?

Zwei Sekunden lang schwebte der Schatten des Augustinermönchs über der Szene: da, als der Papst im Namen der katholischen Kirche, mit Entschiedenheit und Bewegung um Verzeihung für die anderen Christen zugefügte Unbill bat, und da, als er mit bebender Stimme, sich zu den Beobachtern wendend und die Einheit erflehend, die Worte tremit vox nostra aussprach.

Und dann, ein heiterer Ausklang dieses strengen Rituals, die menschlich-freundliche Volte am Schluß. Der Adiutor, ein unbeweglicher Notenumblätterer, der dem Papst die Seiten abnahm, wies zeigend darauf hin, daß nach dem Segen in griechischer und russischer Sprache noch weitere polyglotte Exerzitien zu leisten seien. Doch Paul VI. winkte ab; „ich kann, das nicht“, schien seine Miene zu sagen, „ich mag nicht lesen, was ich doch nicht verstehe“. Weder über die Verwandlungskraft Pius XII. noch über den heiteren Charme Johannes XXIII. verfügend, erschien der Heilige Vater in diesem Augenblick als ein redlich-skeptischer Gelehrter. Er hatte gegeben, was zu geben war: eine begnadete Rede. Momos