Man las es kürzlich in der Gesellschaftsspalte einer Illustrierten: der stellvertretende Chefredakteur einer vielgelesenen deutschen Zeitung betreibe als Freizeit-Hobby Theologie, indem er Predigten verfaßt. Wirklich interessant wird diese Abendbeschäftigung aber erst dadurch, daß sich seine Predigten allesamt durch eine Besonderheit auszeichnen: Sie sind nämlich ausschließlich aus Hauptsätzen zusammengebaut weil ihr Verfasser davon überzeugt ist, daß in den heutigen Menschen nichts anderes mehr eindringen könne als die primitivste Form des Satzes aus Satzgegenstand, Satzaussage und Satzergänzung.

Unser Prediger wäre freilich bei weitem nicht so aktuell, wenn er sich nicht in zahlreicher Gesellschaft befände. Die Nebensatzlosen sind unter uns, wohin wir sehen. Es gibt Zeitungen, die fast nur noch aus Schlagzeilen bestehen: die eine fett, die andere hoch, die nächste gesperrt, die vierte breit, die fünfte rot, andere mit dicken Punkten oder Dreiecken markiert. Der Text selber nimmt nicht so viel Platz ein wie die Anhäufung von Ober-, Unter- und Zwischenschlagzeilen. Und auch in den Anzeigenteilen der Zeitungen und Zeitschriften findet man dergleichen, oftmals von seriösen Firmen „getextet“, wie diese Annonce einer Autofabrik: „Zuerst gab es diesen Wagen. Dann kam dieser Wagen. Und jetzt gibt es sowohl diesen Wagen als auch diesen Wagen. Sind die beiden eigentlich Brüder? (Der ältere Bruder wäre dann der kleinere Bruder, und der jüngere Bruder wäre der größere Bruder...)Sie sind es. Einmal ihrer Anlage nach. Beide tragen den luftgekühlten Motor im Heck. (Das Herz auf dem rechten Fleck.)“ Und so weiter. Ganz abgesehen davon, daß das Heck, das Hinterteil, der Fleck ist, wo man das Herz nur dann trägt, wenn es in die Hosen gerutscht ist: das ist ein einziger Kotau vor der Primitivität, weil man offenbar glaubt; anders verständen’s die möglichen Käufer nicht mehr. Wer auf solch abgehackte Weise angesprochen wird, ist bereits als Beinahe-Alphabet deklariert: als einer, der aus Unfähigkeit oder Trägheit außerstande ist, einen Satz aus mehreren aufeinanderzu geordneten Gliedern aufzunehmen. Und wer nur noch mit Hauptsätzen etwas anfangen kann, der ist auf dem besten Weg, auch das Denken zu verlernen, das bekanntlich aus dem Ordnen, dem Über- und Unterordnen verschiedener Gedankenteile besteht: Der ganze Gedanke ist immer auch Gliederung, bedarf also auch einer gegliederten und nicht, einer abgestumpften Sprache. Wilhelm Höck