Von Rochus Spiecker

Der 59 Jahre alte belgische Kardinal Léon-Joseph Suenens aus Mecheln gilt als fortschrittlicher Konzilsvater, Er wurde als vertrauter und aktiver Mitarbeiter von Papst Johannes XXIII. bekannt. Auch in der zweiten Hälfte des Konzils – als neuernannter Moderator hat er das Recht, die Vollversamlungen des Konzils zu leiten – spielt er eine beachtenswerte Rolle. Er veröffentlichte vor einiger Zeit ein Buch über „Krise und Erneuerung der Frauenorden“.

Nonnen? – Die Zeiten, da aufgeklärte Literaten sich an ihnen ereiferten wie an Gespenstern, die nicht sein durften, sind vorbei. Niemand vermutet mehr hinter Klostermauern schwarze Magie oder fromm verschleierte Laster; höchstens Einfalt und absonderliche Gebräuche. Wo früher ein militanter Affront gegen streng formulierte Religiosität gepflegt wurde, begnügt man sich heute mit jovialer Toleranz. Darum wird es auch nur wenige geben, die in der Nonne ein „Ärgernis“ sehen. Eher wird mancher sich wundern, wie ein junges – womöglich gar hübsches – Mädchen auf die Idee kommen kann, sich im Kloster zu „vergraben“. Aber da wir jedem zubilligen zu tun, was ihm Spaß macht, wird niemand sich lange bei diesem Gedanken aufhalten: zumal, wenn er sich sagen muß, daß diese Nonnen sich im Krankenhaus, im Kindergarten, in der Schule nützlich machen.

Aber vielleicht gibt es andere, solche, die es durchaus verstehen und achten, daß sich ein Mensch ausschließlich Gott und der Gottesliebe am Nächsten weiht – und die dennoch oder gerade darum ein gewisses Unbehagen spüren, weil sie sich des Eindruckes nicht erwehren können, daß in den Lebensformen mancher Orden und Kongregationen viel anachronistischer Ballast mitgeschleppt wird, der nicht nur absonderlich anmutet, sondern den Sinn dieses „Gottesdienstes im Alltag“ zu trüben oder gar zu verschütten droht.

Ein Mann, dem Einblick und Urteil zugetraut werden muß, hat sich zur Frage gemeldet: Kardinal Leon-Joseph Suenens, Erzbischof von Mecheln und Brüssel, Mitglied des Konzilsekretariates für außerordentliche Angelegenheiten. Dieser Kardinal, der bei der letzten Wahl als Papstkandidat im Gespräch war, schrieb ein Buch über die „Krise und Erneuerung der Frauenorden“. (Deutsch, im Verlag Otto Müller, Salzburg.) Der Kardinal wendet sich gegen das allzu bequeme Argument, der fehlende Zustrom zu den sozial tätigen Frauenorden sei allein daraus zu erklären, daß es der heutigen Jugend an gläubiger Dienstbereitschaft und idealem Elan fehle. Er meint, daß zunächst Selbstkritik geboten sei. Er will nicht die demütige Leistung der Ordensfrauen schmälern. Aber er weist darauf hin, daß Klugheit und Liebe gebieten, genau zu unterscheiden zwischen dem wesentlichen Sinn, dem ursprünglichen Ziel einer Ordensgründung und gewissen klösterlichen Gewohnheiten, die geschichtlich bedingt sind und – so nützlich sie einmal waren – im veränderten geschichtlichen Milieu zur gefährlichen Fessel werden können. Wo diese Gabe der Unterscheidung fehlt, wo man das Wesentliche nicht vom Beiläufigen zu trennen weiß, wo man krampfhaft an überalterten Formen festhält, braucht man sich nicht zu wundern, wenn der Orden erstarrt und die Ordensidee ihre Anziehungskraft verliert.

Auch wer dem religiösen Motiv wenig Bedeutung beimißt, wird zugeben, daß sich der Nachfolgemangel der sozial tätigen Orden mittelbar auf viele Gebiete des öffentlichen Interesses auswirkt. In Deutschland fehlen zur Zeit 13 000 Menschen, die Kranke pflegen. Immer wieder wird berichtet, daß Krankenhäuser, Erholungsheime oder Kindergärten, die der Obhut von Ordensschwestern anvertraut waren, geschlossen werden mußten. Ähnliche Tendenzen zeigen sich in Belgien und Frankreich. Merkwürdigerweise leiden die streng kontemplativen und die Missions-Orden am wenigsten unter diesen Sorgen. In aller Welt leben heute 1 122 573 katholische Nonnen, davon in Deutschland 90 711. Ihre Zahl ist in den vergangenen zehn Jahren leicht gestiegen.

All diese Tatsachen bewogen den Kardinal zu seiner freimütigen Analyse. Sie soll hier kurz skizziert werden. Der Kardinal widerspricht der Ansicht, daß die Zeit der Orden vorbei sei und nur noch die sogenannten „Säkularinstitute“ den Anforderungen der modernen Welt gerecht werden könnten: jene religiösen Gesellschaften, die eine lockere Gemeinschaftsform bevorzugen und deren Mitglieder sich – auch beruflich – so weit wie möglich in das Alltagsleben einfügen. Der Kardinal erkennt diese Lebensweise an, glaubt aber nicht, daß sie die Orden ersetzen könne. Was aber die Orden betrifft, so ist die „Diagnose“, so sind die „therapeutischen“ Vorschläge des Kardinals gerade darum interessant, weil er die geforderte Anpassung an die geschichtliche Stunde nicht so sehr aus Nutzaspekten oder taktischen Erwägungen motiviert, sondern aus der religiösen Rückbesinnung auf den Kern des Ordensideals ableitet. Er zitiert Léon Bloy, der gesagt hat: „Je heiliger eine Frau ist: desto mehr ist sie Frau.“ Und er folgert: „Je mehr eine Ordensfrau die Qualitäten ihrer Zeit besitzt: desto besser verwirklicht sie ihre eigene Berufung.“